• Wesen aus einer anderen Welt

    Stinkwanzen breiten sich aus

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    Ein Schädling auf dem Vormarsch: Die asiatische Stinkwanze breitet sich in Nordamerika und Europa aus. Doch ein natürlicher Feind könnte ihr Einhalt gebieten, er greift direkt den Nachwuchs an.

Sie übernehmen ganze Häuser und verursachen landwirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe: marmorierte Baumwanzen werden weltweit zu einem wachsenden Problem. Forscher arbeiten fieberhaft an einer Lösung zur Bekämpfung des Schädlings – und greifen dabei auf ungewöhnliche Mittel zurück.

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  • Herausforderung:
    In Nordamerika und Europa breitet sich die asiatische Stinkwanze aus. Sie ist schädlich für die Landwirtschaft und extrem schwer zu bekämpfen.
  • Lösung:
    Bayer-Forscher suchen Wege, die Abwehrkräfte von Nutzpflanzen zu stärken, um sie so besser auf die Wanzen vorzubereiten. In Zusammenarbeit mit Entomologen testen Spezialisten außerdem Methoden der biologischen Schädlingsbekämpfung, beispielsweise mit Hilfe der Samurai-Wespe.
  • Nutzen:
    Durch die Kombination von genetischen Anpassungen und innovativen Methoden zur Schädlingsbekämpfung wollen Forscher die Invasion der Baumwanzen eindämmen.
Michael Raupp

Kenner invasiver Arten: Der US-amerikanische Insektenexperte Professor Michael Raupp forscht seit über 40 Jahren an nicht heimischen Eindringlingen.

Unzählige unerwünschte Gäste, die sich gierig über die Felder amerikanischer Landwirte hermachen: Im Sommer ziehen Millionen von marmorierten Baumwanzen über das Land. Sie sind auf der Suche nach Nahrung und richten verheerende Schäden auf Feldern an. Noch unangenehmer für Privathaushalte wird es im Herbst. Dann suchen die Baumwanzen nach warmen, sicheren und abgelegenen Plätzen für den Winter. Und eine Baumwanze kommt nie allein: Oftmals dringen Hunderte, wenn nicht Tausende, durch winzige Löcher und Spalten in die Häuser ein. Obwohl sie keine physischen Schäden verursachen, ist der Anblick einer Armee von kriechenden Käfern, die ganze Wände und Räume bedecken, äußerst schockierend. Deswegen wollen Landwirte und Privatpersonen die Baumwanzen möglichst schnell wieder loswerden. Das ist nicht so einfach, aber Bayer-Forscher arbeiten bereits an der Lösung des Problems.

Invasive gebietsfremde Arten wie Baumwanzen sind Spezies, die sich außerhalb ihrer natürlichen Umwelt angesiedelt haben und deren Verbreitung die biologische Vielfalt bedroht. Allein ihr Aussehen erinnert bereits an ein Wesen aus einer anderen Welt: bis zu 1,7 Zentimeter groß, der Rücken von einem Schild aus Chitin bedeckt, dazu ein eigenartiger Gang auf den sechs abstehenden Beinen und bedrohliche, rot leuchtende Augen. Und die Baumwanze ist zudem noch bewaffnet. Wenn sie in Gefahr ist, gibt sie einen übelriechenden Geruch ab, um Feinde abzuschrecken. Die chemischen Bestandteile dieser Substanz ähneln zwar den Duftstoffen des Korianders, aber der Geruch ist viel penetranter: die meisten Menschen finden ihn mehr als abstoßend.

Die Baumwanze hat jedoch nicht nur ein bedrohliches Aussehen, sie ist auch eine reale Gefahr für die Landwirtschaft. Vor allem in den USA wird der aus Asien stammende Käfer zunehmend zum Problem. „Eingeschleppt wurde die Baumwanze in den späten 1990er-Jahren und seitdem hat sie sich zunehmend ausgebreitet. 2010 verursachten sie beispielsweise an der amerikanischen Ostküste katastrophale Schäden in Apfelplantagen von über 37 Millionen US-Dollar“, weiß Peter Jentsch, Senior Extension Associate für Entomologie an der Cornell University in New York. Die neusten Zahlen sind kaum besser: Allein bei den Apfelkulturen werden die wirtschaftlichen Verluste im Jahr 2017 auf 35 Millionen USD geschätzt. Seitdem hat sich der Schädling in 44 US-Bundesstaaten und vier kanadischen Provinzen niedergelassen. Variationen der asiatischen Baumwanze sind zudem in ganz Europa, Russland, Australien und Neuseeland angekommen – eine globale Bedrohung entwickelt sich.

Stinkwanzen sind unberechenbar und schwierig zu bekämpfen

Der Kampf gegen Baumwanzen ist schwierig. Sie verbreiten sich nicht vorhersehbar, ihre Vermehrung folgt keinem erkennbaren Muster und ihr Wachstum ist neben Klima und Art der Feldfrüchte von vielen noch unbekannten Faktoren abhängig. Dies macht sie zu einer ständigen potenziellen Gefahr in vielen Teilen des Ostens der USA. Darüber hinaus haben Pflanzenschutzmittel eine begrenzte Wirkung gegen diese Schädlinge, und auch viele andere Methoden zur Schädlingsbekämpfung sind gescheitert. „Man kann den Käfer niemals vollständig loswerden. Aber wir können die Schäden eingrenzen, mit guten landwirtschaftlichen Methoden und innovativer Forschung“, sagt Holger Weckwert, Global Segment Manager für Früchte, Gemüse und Insektizide bei Bayer. Er und sein Team suchen Wege, die Abwehrkräfte der Pflanzen zu stärken, um sie so besser auf die Baumwanzen vorzubereiten. Der Schlüssel dazu sind genetische Merkmale: „Unser Ziel ist es, genetische Merkmale in Ackerpflanzen wie Mais und Soja einzubringen. Damit können die Pflanzen selbstständig Stoffe bilden, die Baumwanzen abwehren und vor weiteren Angriffen schützen“, erklärt Weckwert.

Holger Weckwert

Eine Renaissance der Insektenforschung: Die Invasion der asiatischen Stinkwanze beflügelt Forscher wie Holger Weckwert bei der Suche nach Lösungen.

Die Mission ist schwierig: Die Baumwanze durchbohrt die Pflanze mit ihrem Rüssel und saugt Saft und Nährstoffe aus ihr. Im Vergleich zu beißenden Schädlingen hat sie dabei nur kurzzeitig Kontakt mit der Pflanze und zieht dann schnell weiter. Das bedeutet, dass die genetischen Merkmale eine blitzschnelle Reaktion auslösen müssen: „Pflanzen müssen die Stoffe nicht nur schnell produzieren,
sondern auch schnell an den Ort transportieren, an dem die Baumwanze gerade sticht. Das ist eine große Herausforderung“, sagt Weckwert, der dennoch optimistisch ist.

Natürliche Feinde stellen das Gleichgewicht wieder her

Auch die Natur selbst scheint sich auf das Ungleichgewicht einzustellen. „Als die Baumwanzen ankamen, traf es unsere Flora und Fauna völlig unvorbereitet“, erklärt Michael Raupp. Er ist Professor für Entomologie an der Universität von Maryland und beschäftigt sich seit 41 Jahren mit nicht heimischen Arten. „Doch in den am stärksten betroffenen Gebieten entdecken lokale Raubtiere und Parasiten diese neue asiatische Delikatesse für sich. Ich nenne sie liebevoll das Killerkommando von Mutter Natur.“ Einer dieser natürlichen Helfer spielt dabei eine große Rolle – und ist doch nur so klein wie der Kopf einer Stecknadel. Trissolcus japonicus, besser bekannt als die Samurai-Wespe. Sie stammt wie die marmorierte Baumwanze aus Regionen in China, Südkorea und Japan und ist ein natürlicher parasitärer Feind des Käfers.

Rückblick: Die Ausbreitung einer Wanzenart

Ihre Konstitution macht die asiatische Stinkwanze extrem widerstandsfähig, dadurch konnte sie sich in den vergangenen 25 Jahren ausbreiten. In Nordamerika und Europa trifft sie auf wenige natürliche Feinde.

Diese Wespe greift gezielt die Eier der Baumwanze an und legt ihre eigenen Eier hinein. Die heranwachsenden Larven ernähren sich von den Embryonen der Wanze und verhindern, dass sie schlüpfen. In Ostasien befällt die Samurai-Wespe zwischen sechzig und neunzig Prozent der braun marmorierten Baumwanzen-Eier und hält so die Baumwanzen-Population fast alleine in Schach.

Biologische Schädlingsbekämpfung könnte eine Lösung sein

Die Samurai-Wespe ist ursprünglich nicht in Nordamerika beheimatet. Doch das Team um Peter Jentsch stieß bei ersten Feldversuchen auf eine Überraschung. „Als Trissolcus japonicus 2016 zum ersten Mal in Maryland entdeckt wurde, begannen wir mit der Suche nach der Samurai-Wespe in Anbausystemen, in denen Baumwanzen seit 10 Jahren präsent waren.“ Im Juli wurden sie von einer Bio-Gemüse farm im Mid-Hudson Valley geborgen, nachdem sie sich bereits in der New Yorker Staatsregion niedergelassen hatten. Wie die Baumwanze kam die Samurai-Wespe offenbar zufällig in die USA, und es gibt Hinweise darauf, dass bereits seit 2014 eine kleine Population in den USA existiert. „Wir arbeiten jetzt daran, eine ausreichende Menge zu züchten und freizusetzen, um die Baumwanzen-Population in Schach zu halten“, sagt Jentsch.

Peter Jentsch

Eine Renaissance der Insektenforschung: Die Invasion der asiatischen Stinkwanze beflügelt Forscher wie Peter Jentsch bei der Suche nach Lösungen.

Neben all den Schäden und Unannehmlichkeiten hat die Ausbreitung der Baumwanze auch einen positiven Effekt. „Für die Wissenschaft ist die Baumwanze einer der produktivsten Vorfälle in der Geschichte der invasiven Schädlinge in den Vereinigten Staaten“, sagt Raupp. Da die Baumwanze den Osten der USA so hart und unvorbereitet getroffen hat, folgte eine beispiellose Welle an wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Eine Vielzahl an Forschungsprojekten, Studien, Seminaren und Kongressen entstand rund um das Thema Baumwanze. „Es war wie eine Renaissance der Entomologie, über alle Fachbereiche hinweg,“ erklärt Entomologe Raupp. Nun ist der Schädling wesentlich besser erforscht und seine
Eigenheiten besser untersucht. Etwa die Tatsache, dass sich Baumwanzen bevorzugt am Rande von Feldern aufhalten – und so präziser mit Pflanzenschutzmitteln bekämpft werden können.

Obwohl der Einsatz der Samurai-Wespe leichter umzusetzen ist als der gentechnische Ansatz, hat letzterer einen großen Vorteil: der Eingriff ins Ökosystem ist weniger schwerwiegend. Lösungen werden nach wie vor händeringend gesucht – in den USA und in Europa nimmt die Zahl der Baumwanzen zu und verursacht erhebliche Schäden. „Im Zuge des Klimawandels wird sich die Baumwanze aus der Region um das Schwarze Meer und Südosteuropa weiter nach Norden bewegen“, sagt Weckwert voraus. Wärmeres Klima bietet Baumwanzen optimale Lebensbedingungen in neuen Regionen Europas. Die Bedrohung steigt also in dem Maß, in dem der Klimawandel voranschreitet – mit jedem Grad Celsius auf dem Thermometer.