• Dem Krebs auf der Spur

    Henriette Stoy im Gespräch

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    „Befallene Zellen schaffen es, jeden Kontrollmechanismus des Körpers zu überlisten. Am Ende bringen sie den gesamten Organismus zum Versagen. Ich will wissen, wie es eine Zelle schafft, den anderen derart überlegen zu sein.“ – Henriette Stoy

Die Behandlung von Krebs ist meist langwierig. Auch wenn ein Patient gut auf eine Therapie anspricht, verursachen die meisten Medikamente auf Dauer trotzdem oft Nebenwirkungen. Um Therapien für Patienten verträglicher zu machen, suchte Biochemikerin Henriette Stoy am Karolinska Institut in Schweden nach einer neuen Therapiemethode. „research“ sprach mit der ehemaligen Stipendiatin.

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  • Herausforderung:
    Krebsbehandlungen sind für Patienten häufig sehr belastend, denn auf Dauer führen viele Medikamente zu Nebenwirkungen. Neue Therapiemöglichkeiten könnten dem abhelfen.
  • Lösung:
    Medikamente mit verschiedenen Wirkmechanismen können in Kombination Langzeitnebenwirkungen reduzieren.
  • Nutzen:
    Die Therapien werden für Patienten verträglicher.

Weshalb ist Krebsforschung so wichtig?

Weltweit sterben immer noch zu viele Menschen an Krebs. Forscher suchen ständig nach neuen Therapiemethoden, denn mit der Zeit entwickeln Krebszellen oft Resistenzen gegenüber Wirkstoffen. Das erschwert die weitere Behandlung ungemein und viele Mittel führen langfristig zu starken Nebenwirkungen. In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung zunehmend besser verstanden, wie Krebszellen funktionieren. Und es gibt verschiedenste Wege, die Krankheit anzugehen. Daher ist es besonders wichtig, in diesem Feld kontinuierlich weiter zu forschen.

Greift unsere Molekülverbindung gezielt Krebszellen an, eignet sie sich als Grundlage für neue Krebsmedikamente.

Krebsforschung: Eine sich teilende Krebszelle

Eine sich teilende Krebszelle.

Mit welchem Ansatz haben Sie nach einer neuen Therapiemethode gesucht?

Für meine Masterarbeit untersuchte ich sechs Monate lang Mechanismen, die Krebszellen gezielt abtöten. Ich konzentrierte mich auf den Proteinabbau in Zellen. Ist dieser gestört, ist das Leben der Zelle in Gefahr. Mit der Arbeitsgruppe von Nico Dantuma am Karolinska Institut arbeitete ich an der Charakterisierung neuer Molekülverbindungen, die den Proteinabbau blockieren. Bayer förderte meine Forschung in dieser Zeit mit einem Stipendium und stellte mir einen Mentor bei Seite. Beide halfen mir damit, als Wissenschaftlerin zu wachsen.

Die junge Krebsforscherin Henriette Stoy

Es ist sehr wichtig, kontinuierlich weiter nach neuen Therapiemethoden gegen Krebs zu forschen.

Wofür benötigen Zellen den Proteinabbau?

Proteine gehören zu den wichtigsten Bausteinen einer Zelle. Sie übernehmen unterschiedlichste Funktionen und reparieren beispielsweise beschädigte Zellen. Innerhalb eines Zyklus baut eine Zelle konstant Proteine auf und ab. Damit passt sie ihre Funktionen stets an wechselnde Bedingungen an und hält ihr internes Gleichgewicht. Nimmt die Konzentration der Proteine in der Zelle zu, gerät die Zelle in ein Ungleichgewicht. Es droht eine Proteinvergiftung, die Zelle steht unter sogenanntem proteotoxischem Stress. Ist sie gar nicht mehr in der Lage, alte und fehlerhafte Proteine abzubauen, erleidet sie einen proteotoxischen Schock und stirbt. Da gerade Krebszellen viele mutierte und fehlerhafte Proteine produzieren, sind sie besonders auf einen funktionierenden Abbau angewiesen.

In Kombination mit etablierten Medikamenten können wir dann auch Patienten behandeln, die bereits resistent gegen konventionelle Blocker sind.

Was ist das Besondere an diesen Molekülverbindungen?

Die neuen Molekülverbindungen hemmen den Proteinabbau auf andere Weise, als viele konventionelle Medikamente. Meine Kollegen sind derzeit noch dabei, den Mechanismus genau zu entschlüsseln. Bei Tests an Krebszellen stellten wir fest, dass einige Krebsarten besonders anfällig für diese Verbindungen sind. Es ist allerdings noch offen, ob die Verbindungen auch in Zellverbänden gezielt Krebszellen angreift. Tut sie dies, kann sie die Grundlage neuer Krebsmedikamente werden. In Kombination mit bereits etablierten Medikamenten können wir dann Patienten vor Langzeitnebenwirkungen schützen und auch Kranke behandeln, deren Zellen bereits resistent gegen konventionelle Blocker sind.

Krebsforschung: Eine Krebszelle in Nahaufname i

Close-up von Krebszellen

Woher kommt ihr eigenes Engagement?

Ich finde Krebsforschung unglaublich spannend. Befallene Zellen schaffen es, jeden Kontrollmechanismus des Körpers zu überlisten. Am Ende bringen sie den gesamten Organismus zum Versagen. Ich will wissen, wie es eine Zelle schafft, den anderen derart überlegen zu sein. Daher möchte ich die Krankheit von möglichst vielen Seiten kennenlernen. Bis zu dem Stipendium 2016 untersuchte ich beispielsweise an der Universität in Tübingen die Entstehung von Krebs im menschlichen Körper. Ab September 2017 fokussiere ich mich als Doktorandin an der Universität in Zürich auf Reparaturmechanismen und Schäden von Zellen. Diese können ebenfalls die Entwicklung von Krebszellen fördern.

Das Bayer-Mentoringprogramm

Zusammen mit einem Bayer-Stipendium erhalten Studenten auch fachliche Unterstützung im Mentoringprogramm. Ein Experte aus der Industrie steht seinem Mentoree die gesamte Zeit über bei allen Fragen bezüglich Forschung und Karriereplanung bei Seite. Dieser erhält so bereits während des Studiums Einblicke in Bereiche, die für Studenten sonst vorerst verborgen bleiben, beispielsweise in die Pharmaindustrie. Mit abgeschlossenem Stipendium endet das Mentoringprogramm allerdings nicht. Auch darüber hinaus betreut der Mentor weiterhin seinen Schützling.

Krebszellen schaffen es jeden Kontroll­mechanismus des Körpers zu überlisten. Am Ende bringen sie den gesamten Organismus zum Versagen. Ich will wissen, wie es eine Zelle schafft derart überlegen zu sein.

Die junge Krebsforscherin Henriette Stoy mit Mentor Daniel Hog.

Henriette Stoy mit Mentor Daniel Hog

Die Krebsforschung ist ein sehr erfüllendes Feld. Ich will die Krankheit auf jeden Fall weiter untersuchen. Und vielleicht trägt meine Arbeit dazu bei, das Leben von Patienten zu verbessern.