• „Jeder kann seinen Beitrag leisten“

    Im Gespräch mit Kemal Malik & Dr. Monika Lessl

Bayer hat in seiner mehr als 150-jährigen Geschichte zahlreiche bahnbrechende Entwicklungen aus Wissenschaft und Technologie hervorgebracht – zum Wohle der Menschen. Wie lässt sich die Innovations-Erfolgsgeschichte des globalen Life-Science-Unternehmens im 21. Jahrhundert fortsetzen? „research“ sprach darüber mit Bayer-Vorstandsmitglied Kemal Malik, verantwortlich für Innovation,
und Dr. Monika Lessl, Leiterin Corporate Innovation and Research & Development.

Welche Innovation fällt Ihnen spontan als größte und wichtigste aller Zeiten ein?
Kemal Malik: Für mich hat Innovation vor allem dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung weltweit gestiegen ist. In den 1860er-Jahren, als Bayer gegründet wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung in der westlichen Welt bei 40 Jahren. 150 Jahre später hat sie sich auf 80 Jahre verdoppelt – durch Innovation, Wissenschaft und Technologie. Wenn also jemand behauptet, Innovation nütze nur Großkonzernen, antworte ich: Sie lässt uns länger und besser leben. Was kann es Besseres geben?
Monika Lessl: Ich denke an die Revolution durch Mobiltelefone, die extrem positive Auswirkungen auf unseren Alltag hat. Nehmen Sie beispielsweise mobiltelefonbasierte Zahlungssysteme, die Millionen Menschen in allen Ecken der Welt nutzen. Man kann mittlerweile mit dem Handy Geld einzahlen oder überweisen. Stellen Sie sich einen Mann in Kenia vor, der heute ganz leicht Geld an seine Ehefrau transferieren kann, die auf dem Land lebt und mit dem Telefon in einen Laden gehen kann, um dort Bargeld abzuheben. Dieser Fortschritt fördert die gesellschaftliche Teilhabe der Menschen auf der ganzen Welt.

Welche Innovation der vergangenen Jahre könnte unsere Zukunft am stärksten verändern?
Kemal Malik: Ich habe die meiste Zeit meiner beruflichen Laufbahn als praktizierender Arzt damit zugebracht, Krankheiten zu behandeln. Jetzt aber stehen wir kurz davor, Krankheiten tatsächlich zu heilen, und zwar mithilfe einer Technologie, die als „Genome Editing“ bezeichnet wird, bei der wir mit der sogenannten CRISPR-Cas-Methode Teile unseres Erbguts herausschneiden und durch gesunde Abschnitte ersetzen. Das ist revolutionär.
Monika Lessl: Nach meiner Einschätzung wird in Zukunft die künstliche Intelligenz – also der kluge Einsatz großer Datensätze – immense Auswirkungen auf unser Leben haben. Solche Lernsysteme sind die Grundlage für Autos ohne Fahrer, Systeme zur Gesichtserkennung, aber auch neue bildgebende Verfahren und diagnostische Werkzeuge im Gesundheitswesen.

Unternehmen wie Google wollen künftig auch im Pharmamarkt eine Rolle spielen. Wie reagiert Bayer auf den Wandel?
Kemal Malik: Was die Zukunft unseres Pharmageschäfts anbelangt, bin ich unglaublich zuversichtlich. Ich denke dabei gerne an die drei P von Pharma: Das sind erstens unsere Produkte. Zweitens arbeiten bei Bayer tolle Menschen (engl.: People), die großartige Arbeit leisten, um diese Produkte auf den Markt zu bringen, sie zu produzieren und zu vermarkten. Und als drittes P besitzen wir eine großartige Pipeline mit neuen Produkten, die die jetzigen am Ende ihres Lebenszyklus ablösen können.

Experten sagen, im Agrargeschäft, Bayers zweiter großer Säule, sei die Zukunft in jedem Fall digital oder sie gehöre den Kleinbetrieben. Wie gehen Sie auf diese Trends ein?
Kemal Malik: Im Agrarmarkt bricht eine spannende Zeit an. Die Frage, wie man die Erträge weiter steigern kann, rückt weltweit stärker in den Blickpunkt. Sehr gut erreicht man das, indem man die Landwirte durch Digitalisierung berät, wie sie ihre Pflanzen am besten anbauen, wann sie Pflanzenschutzmittel einsetzen sollten und welche Flächen sie am besten nutzen können. Ebenso hilfreich sind jedoch integrierte Lösungen.


Spielt Innovation auch im Consumer-Health-Geschäft von Bayer eine Rolle?
Kemal Malik: Selbstverständlich, sie sieht nur anders aus. Es gibt bei Consumer Health zwar keine revolutionäre Forschung, oder bahnbrechende Technologien stehen dort nicht so im Fokus. Aber die Möglichkeiten von Big Data können zum Beispiel genutzt werden, um Kunden besser zu verstehen, näher an sie heranzurücken und mit ihnen zu interagieren.


Reicht die Innovationskraft von Bayer, um auch in Zukunft zu bestehen?
Kemal Malik: Bayer beschäftigt mehr als 100.000 Mitarbeiter. Aber es gibt mehr als 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt und voraussichtlich noch zwei Milliarden mehr im Jahr 2050. Wir sind also offensichtlich Teil eines Ökosystems, und damit wir im nächsten Jahrhundert überleben können, wollen wir einen größtmöglichen Nutzen aus externen Innovationen und Kooperationen rund um den Globus ziehen. Mit akademischen Kreisen, mit anderen großen Unternehmen, mit Universitäten, mit Start-ups.
Monika Lessl: Deshalb haben wir die offene Innovationsplattform
www.innovate.bayer.com aufgebaut, die diesen Austausch fördert. Mit unserer Grants4-Initiative, die Sie ebenfalls auf der Plattform finden können, fahnden wir nach Partnern entlang der Wertschöpfungskette und für alle unsere Geschäftsbereiche. Abgesehen davon suchen wir innovative digitale Lösungen in unseren Geschäftsfeldern – oder nach den neuesten Robotik-Technologien. Wir haben auch eine interne Plattform geschaffen, mit der wir besser innerhalb des eigenen Unternehmens zusammenarbeiten können. Sie heißt „YOUniverse“. Damit wollen wir eine Plattform bereitstellen, auf der sich unsere Mitarbeiter gegenseitig inspirieren können, zusammenarbeiten, voneinander lernen und sich mit anderen wissbegierigen Köpfen in unserem Unternehmen vernetzen können. Das halte ich selbst für sehr wichtig. Wir haben auch ein Innovationsnetzwerk mit rund 50 Innovationsbotschaftern – hochrangigen Wirtschaftsführern – geschaffen. Diese Botschafter werden von rund 500 Innovationscoaches unterstützt, die Beratung und Anleitung zum Thema Innovation bieten. Dadurch haben wir klare Organisationsstrukturen und auch klare Verantwortlichkeiten für Innovation.


Wie können Führungskräfte bei Bayer Innovationen ­fördern?
Kemal Malik: Wir sollten zunächst darüber nachdenken, was Innovationen behindert. Zuallererst wartet jeden Tag ein riesiger Haufen Arbeit auf uns. Bleibt da noch Zeit, etwas Neues auszuprobieren? Zu experimentieren? Führungskräfte sollten ihren Mitarbeitern Zeit geben, innovativ zu sein. Sie sollten aber auch Fehlschläge tolerieren. Wenn man etwas Neues ausprobiert, läuft man immer Gefahr, zu scheitern.
Monika Lessl: Wir haben unsere Mitarbeiter gefragt, was sie brauchen, um Innovation voranzutreiben? Dabei stellten wir vier zentrale Voraussetzungen fest: Zunächst ist es wichtig, dass man sich über seine Ziele sehr genau im Klaren ist. Es gibt da eine Redensart: „Verliebe dich nicht in deine Lösung, sondern in dein Problem.“ Man sollte sich also erstens sehr genau im Klaren darüber sein, welches Problem man angehen will. Und außerdem sehr gute Ideen haben, wie es sich lösen ließe. Zweitens braucht man das richtige Umfeld und eine Kultur, die es zulässt, dass man daran arbeitet. In einem dritten Schritt geht es darum, diese ersten Ideen durch interne und externe Kooperationen weiter auszubauen. Viertens und letztens benötigt man das richtige Steuerungssystem und die richtige Organisationsstruktur, um die eigene Idee in eine konkrete Innovation umzusetzen.


Herr Malik, was entgegnen Sie Menschen, die stetigen Veränderungen reserviert gegenüberstehen?
Kemal Malik: Eine unbedachte Antwort würde wohl lauten: Leben Sie halt nicht im 21. Jahrhundert. Aber auf uns kommen tatsächlich beeindruckende Technologien zu. Dabei muss jeder verstehen, dass er auf die eine oder andere Weise einen Beitrag leisten kann. Man muss nicht gleich die neue Gene-Editing-Technologie erfunden haben. Die Suche nach kleinen, intelligenten Verbesserungen in den alltäglichen Arbeitsabläufen – das ist Innovation.


Wo möchten Sie Bayer dank Innovation in fünf Jahren sehen?
Monika Lessl: Für mich ist Zusammenarbeit das A und O: Ich bin davon überzeugt, dass nur diejenigen Unternehmen, die es jetzt schaffen, sehr große Netzwerke intern und extern zu managen, in Zukunft erfolgreich sein werden. Je gemeinschaftlicher wir agieren, desto agiler und flexibler können wir bei Bayer und über unsere Unternehmensgrenzen hinaus nach Lösungen suchen. Deshalb habe ich die Hoffnung, dass unser Unternehmen noch agiler und flexibler wird. Wir haben großartige Mitarbeiter, die diesen Gedanken bereits verinnerlicht haben und ich glaube, in fünf Jahren werden wir noch viel mehr haben.
Kemal Malik: Ich möchte, dass wir von der Außenwelt und unseren Mitarbeitern als eines der weltweit führenden innovativen Life-Science-Unternehmen gesehen werden. Und ich würde mich freuen, wenn alle in diesem Unternehmen realisieren – alle 100.000 Mitarbeiter –, dass sie eine Rolle im Innovationsprozess spielen, die sie aktiv ausfüllen sollten.