• Eindringlinge in Ökosysteme – Folgen, Probleme und Chancen

    Invasive Arten

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    Putziger Störenfried: Invasive Arten – wie der Waschbär in Deutschland – können das Gleichgewicht in einem neuen Ökosystem durcheinander bringen. Vor allem, wenn sie keine natürlichen Feinde haben.

Die Menschheit wird immer mobiler: Das führt auch dazu, dass sich Arten weiter verbreiten und in neue Gebiete eingeschleppt werden. Solche Lebewesen können erhebliche Probleme verursachen. Invasive Tiere und Pflanzen schädigen die biologische Vielfalt und die lokale Wirtschaft, sie können aber auch nützlich sein.

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  • Herausforderung:
    Tierarten und Pflanzen können in neue Gebiete eingeschleppt werden. Wenn sie sich dort rasant ausbreiten und auf keine natürlichen Feinde stoßen, kommt es zu großen Problemen.
  • Lösung:
    Manchmal werden die Neulinge Teil der Flora und Fauna. In Einzelfällen versucht der Mensch einzugreifen, um das vorhandene Ökosystem und die heimischen Arten zu schützen.
  • Nutzen:
    Invasive Arten führen meist zu tiefgreifenden Veränderungen eines Ökosystems. In Einzelfällen können die Eindringlinge auch nützlich für den Menschen sein, wenn sie beispielsweise als Lieferanten für einen speziellen Rohstoff fungieren.

Er gehört zu den prominentesten Vertretern invasiver Arten – der Waschbär. Seit 84 Jahren kommt er in Deutschland vor, er wurde aus Nordamerika ursprünglich als Haustier eingeführt. Heute leben rund eine Million Waschbären in Deutschland und verursachen Probleme: Sie bedrohen heimische Vogelarten und stehen im Verdacht, Krankheiten wie Tollwut zu verbreiten.

Neue Arten können zu einem Problem werden: Experten sprechen dann von einer invasiven Art, wenn sich diese in einem neuen Lebensraum sehr stark vermehrt, ohne auf natürliche Feinde zu treffen. Dadurch kann eine Population so anwachsen, dass sie eine übermächtige Konkurrenz für heimische Arten wird. Dieses Problem verursachen zwischen 5 und 20 Prozent aller gebietsfremden Arten. In der EU sind derzeit 23 invasive Tier- und 14 Pflanzenarten als besorgniserregend klassifiziert, das heißt, dass sie die biologische Vielfalt bedrohen und durch länderübergreifende Aktionen bekämpft werden sollen.

Quagga-Dreikantmuscheln

Quagga-Dreikantmuscheln können Rohre in Wasserwerken verstopfen und dadurch wirtschaftliche Schäden verursachen.

Häufig sind invasive Arten mitverantwortlich, wenn die Artenvielfalt in einem Ökosystem abnimmt. Invasive Arten sind insgesamt die zweithäufigste Ursache dafür, dass Arten komplett aussterben. Bei Amphibien, Reptilien und Säugetieren sind sie die Hauptursache für das Verschwinden von Arten, wie die internationale Union für das Bewahren der Natur (IUCN) zeigte.

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In Europa ist die Zahl der invasiven Arten seit den 1970er Jahren um 76% gestiegen.
Quelle: Europäische Kommission

Die Eindringlinge beeinträchtigen nicht nur die Biodiversität in einem Gebiet, sie können auch negative Effekte auf die Wirtschaft haben. Die Quagga-Dreikantmuschel beispielsweise, die mittlerweile weltweit verbreitet ist, überwächst Wasserleitungen und verursacht so Verstopfungen und Betriebsausfälle in Wasserwerken. In Summe geben die EU-Mitgliedsstaaten allein pro Jahr zwischen 9,6 und 12,7 Milliarden Euro aus, um Schäden zu beseitigen, die durch invasive Arten verursacht wurden.

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Etwa 42 Prozent der bedrohten oder gefährdeten Arten sind durch invasive Arten gefährdet.
Quelle: National Wildlife Federation

In seltenen Fällen sind zugereiste Arten nützlich

Ganz gleich, ob Tiere oder Pflanzen, klein oder groß: Weltweit beeinflussen invasive Arten Ökosysteme und den Menschen. research hat spannende Beispiele zusammengetragen.

Eindringling hilft Materialwissenschaftlern

Ostasiatische Seescheide

Amerikanische Forscher haben einen ungewöhnlichen Werkstoff entwickelt: Sie kombinierten Zellstoff, bekannt aus der Papierherstellung, mit getrockneten Teilen eines invasiven Meeresbewohners, der Styela clava bzw. Ostasiatischen Seescheide. Dieser Vertreter der sogenannten Manteltiere hat eine festsitzende Lebensweise und überwuchert beispielsweise Hafenmauern. Der neue Werkstoff ist flexibel und nachhaltig. Er könnte in Lebensmittelverpackungen, im Fahrzeugbau, in der Biomedizin und bei Baukonstruktionen zum Einsatz kommen.

Ökosysteme: Invasive Arten hinterlassen bleibende Spuren

japanisches Stelzengras

Selbst wenn eine invasive Art wieder verschwunden ist, bleibt unter Umständen ein „Schatten“ zurück. Amerikanische Forscher stellten beispielsweise fest, dass das Ökosystem nicht in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehrte, nachdem das japanische Stelzengras im Osten der USA ausgerottet worden war. Die Ergebnisse der Wissenschaftler stützen sich auf Beobachtungen, die sie über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg gemacht haben.

Ein Killer wütet auf einer einsamen Insel

braune Nachtbaumnatter

Eine invasive Schlangenart hat auf der westpazifischen Insel Guam mehr als die Hälfte der einheimischen Vogel- und Eidechsenarten ausgerottet. Die braune Nachtbaumnatter wurde während des Zweiten Weltkriegs versehentlich auf die Insel gebracht und verbreitete sich rasant. Auch Säugetiere sind betroffen – zwei von drei einheimischen Fledermausarten sind vollständig verschwunden. Die nächsten Opfer kommen aus der Pflanzenwelt, viele der verdrängten Vogelarten dienten den Pflanzen als Boten für Samen.

Grüne Gefahr überwuchert Gewässer

Wasserhyazinthe

Dichte grüne Matten auf der Wasseroberfläche machen das Durchkommen für Schiffe beinahe unmöglich. Die Wasserhyazinthe ist eine schnell wachsende schwimmende Wasserpflanze. Sie stammt ursprünglich aus Südamerika und verbreitet sich zunehmend in Afrika, Asien, Ozeanien und Nordamerika. Darunter leiden Fischer, aber auch Seefahrer, die auf freie Wasserwege angewiesen sind.

Riesige Würmer aus Asien verbreiten sich weltweit

hammerhead flatworm

Mit knapp einem halben Meter Länge und einem Kopf in Form eines Hammers ist der Wurm kaum zu übersehen. Dennoch breiten sich die Hammerkopfflachwürmer seit Jahrzehnten weitgehend unbemerkt weltweit aus und gelten als invasiv. Heute befassen sich Ökologen am Beispiel französischer Gebiete mit den asiatischen Tieren, die einheimische Arten wie beispielsweise Regenwürmer bedrohen. Ihr Weg zu neuen Erkenntnissen: Citizen Science – Bürger berichten von Sichtungen und liefern den Forschern Daten. So konnten die Wissenschaftler die Lebensweise einiger Hammerkopfflachwurm-Arten genauer untersuchen und beschrieben sogar eine potenzielle neue Art.

Daten & Fakten

  • Charles Darwin, der unser heutiges Wissen über Evolution maßgeblich geprägt hat, untersuchte schon im 19. Jahrhundert, inwiefern sich neue Arten in neuen Gebieten ansiedeln können.
  • In Europa gibt es über 12 000 gebietsfremde Arten. 10 bis 15 Prozent davon sind invasiv. Dazu gehören Säugetiere, Amphibien, Reptilien, Fische, Wirbellose und Pflanzen aber auch Pilze, Bakterien und andere Mikroorganismen.
  • Gebietsfremde Arten können sogar ein ganzes Ökosystem verändern und dadurch einheimische Arten gefährden. Auf Wiesen, auf denen die Robinie (Robinia pseudoacacia) wächst, reichert sich Stickstoff im Boden an. Das begünstigt Pflanzenarten, die mit diesen Bedingungen besonders gut klarkommen.