• Ein offenes Ohr für Jugendliche

    Online-Plattform zur Suizidprävention

Das Deutschlandstipendium fördert Studenten, die sich durch besonderes soziales Engagement auszeichnen. So wie Marcel, der sich seit beinahe zwei Jahren für ein Projekt zur Suizidprävention einsetzt: Die Online-Plattform [U25] berät verzweifelte Jugendliche anonymisiert und kostenlos per E-Mail. [U25] war außerdem unter den Finalisten für den „Aspirin Sozialpreis 2015“ der Bayer Cares Foundation.

Es ist ein Tabuthema in der Gesellschaft: „Der Suizid von Jugendlichen und Kindern stellt ein sehr großes Problem dar, über das viel zu wenig gesprochen wird“, sagt Marcel. Der 21-Jährige studiert in Berlin im sechsten Semester Medizin – Unfallchirurg möchte er werden. Allein in Deutschland nehmen sich 600 Jugendliche jährlich das Leben. „Suizid wird als Akt der Schwäche und Minderwertigkeit wahrgenommen. Diese gesellschaftliche Haltung muss sich ändern. Ich bin überzeugt, dass offene Gespräche viel bewirken können“ sagt Marcel.

Soziales Engagement: Marcel berät suizidgefährdete Jugendliche per E-Mail über die deutsche Online-Plattform [U25].

Soziales Engagement: Marcel berät suizidgefährdete Jugendliche per E-Mail über die deutsche Online-Plattform [U25].

Das Projekt [U25] bietet verzweifelten jungen Menschen Hilfe: Über die Online-Plattform können sich Jugendliche via E-Mail mit Gleichaltrigen über ihre Ängste und Nöte austauschen: von Problemen in der Schule oder mit den Eltern bis hin zu Selbstmordgedanken. „Das Konzept fand ich spannend. Und als 2013 eine neue Zweigstelle in Berlin eröffnet wurde, habe ich mich beworben – als E-Mail-Berater, auch Peer genannt“, erzählt Marcel. Der Student lernte in einer sechsmonatigen Ausbildung, wie er mit den Anfragen der Jugendlichen am besten umgeht. Die Peers treffen sich während des Trainings und auch später noch regelmäßig, um gemeinsam besonders heikle Nachrichten durchzusehen und einzuschätzen.

600

Jugendliche nehmen sich in Deutschland jährlich das Leben.

Marcel kümmert sich online um Fragen und Probleme von Kindern und Jugendlichen, die sich an [U25] wenden. Diese legen sich auf dem Online-System einen Benutzeraccount an. Dafür legen sie nur einen Nicknamen und ein Passwort fest – private Daten wie ihren Namen müssen sie nicht preisgeben. Der Kontakt läuft anonymisiert ab. „Das gibt den Anfragenden erst einmal Sicherheit. Wenn ich versuche, ihnen ein persönliches Gespräch bei einer Beratungsstelle in der Nähe des Klienten zu vermitteln, lehnen sie das häufig ab“, berichtet Marcel aus seinen Erfahrungen.

Zunächst wird dem Anfragenden ein Peer in seiner Altersklasse vermittelt. Ein Grundsatz: Die Mails sollten innerhalb von sieben Tagen beantwortet werden. „Dieses Versprechen nehmen wir Peers sehr ernst. Denn es gibt dem Menschen in einer verzweifelten Lage auch Halt, wenn er in einem gewissen Zeitraum eine Antwort erwarten kann.“ Marcel hat sich den Sonntag als Arbeitstag eingerichtet, um sein Engagement mit dem Studium vereinbaren zu können: „Ich beantworte alle meine [U25]- E-Mail s an diesem Tag. Das dauert zwischen einer und vier Stunden“, sagt der 21-Jährige.

Ich [...] will [...] jungen Menschen helfen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Mit manchen Mailschreibern hält er sehr regen Kontakt, andere melden sich in monatlichen Abständen. „Man muss Ausdauer mitbringen. Einen Klienten zu betreuen kann sehr an den eigenen Kräften zehren“, erklärt Marcel. Besonders nahe geht es ihm, dass junge Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, plötzlich alles wegwerfen wollen. „Dennoch muss man auch lernen, sich emotional abzugrenzen – so hart es klingt. Für meinen späteren Beruf als Arzt ist das ebenfalls wichtig“, sagt der Student. Fällt ihm auf, dass jemand akut suizidgefährdet ist, gibt er den Fall an die Leitung der Zweigstelle weiter. Die Peers können sich bei Problemen dort immer Rat holen.

[U25] unterhält mittlerweile Büros in fünf deutschen Städten – doch der Bedarf ist größer. 2012, zehn Jahre nach der Gründung der ersten Zweigstelle in Freiburg, gab es 1.900 Erstanfragen von Jugendlichen. Die Peers vor Ort kamen der enormen Nachfrage nicht nach. Und auch die anderen Beratungsstellen kämpfen mit den zahlreichen Anfragen: „Die Wartelisten sind voll, obwohl kontinuierlich weitere Peers ausgebildet werden“, sagt Marcel. „Ich hoffe, dass noch viele Berater nachkommen – und will selbst so lange wie möglich dabeibleiben und jungen Menschen helfen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.“