• Revolution im Erdreich

    Welternährung sichern mit Integriertem Pflanzenschutz

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    Dem globalen Schädling auf der Spur: Die Bayer-Forscher Marc Rist und Dr. Heiko Rieck (v. li.) nehmen in Monheim die Wurzeln von Nutzpflanzen genau unter die Lupe und bereiten sie für Nematoden-Versuche vor.

Winzige Schädlinge sorgen rund um den Globus für riesige Ernteeinbußen: Oft unbemerkt saugen Fadenwürmer die Nutzpflanzen über ihre Wurzeln aus und öffnen damit quasi die Türen für andere Krankheitserreger, die ihre Wurzeln beschädigen. Forscher von Bayer CropScience nehmen den globalen Schädling jetzt gleich von zwei Seiten in die Zange: Sie kombinieren ein völlig neues chemisches Prinzip mit einem biologischen Mittel. Damit schützen sie nicht nur erfolgreich Bananenplantagen in Costa Rica, sondern auch die Gemüse-, Mais- und Sojaernten – weltweit.

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  • Herausforderung:
    Nematoden bedrohen weltweit die Ernten verschiedenster Kulturen und damit die Existenzgrundlage von Landwirten.
  • Lösung:
    Mit Fluopyram haben Bayer-Forscher einen Wirkstoff gefunden, der in einem integrierten Ansatz hilft, Nematoden effektiv und umweltschonend zu bekämpfen.
  • Nutzen:
    Eine integrierte Lösung für das Nematodenproblem kann die Erträge sogar noch steigern.                 

Costa Rica ist ein Garten Eden. In dem lateinamerikanischen Land zwischen Karibik und Pazifik gedeiht alles, was Herz und Magen begehren, etwa Zucker, Kakao, Baumwolle oder verschiedene Früchte und Gemüse. Ananas und Kaffee reisen von dort in die ganze Welt. Aber eine kleine gebogene Frucht ist der ­eigentliche Verkaufsschlager in Costa Rica: die Banane. Mehr als zwei Millionen Tonnen davon exportierte das Land 2012 laut der Welternährungsorganisation FAO. Die meisten davon landeten in europäischen oder amerikanischen Supermarktregalen und Obstkörben. Aber die Banane ist nicht nur eine globale Frucht – sie ist auch noch gesund und nahrhaft: Mit ihrem hohen Gehalt an Kalium und Magnesium stärkt sie Nerven und Muskeln. Und ihre Vitamine in Kombination mit Kohlenhy­draten sorgen nach dem Joggen oder zwischendurch im Büro für einen schnellen Energieschub. „Die Banane gilt als Grundnahrungsmittel und hilft, die Welternährung zu sichern: Aufgrund ihrer Nährstoffe ist sie laut FAO in Entwicklungsländern die viertwichtigste Feldfrucht – nach Reis, Weizen und Mais“, sagt Dr. Heiko Rieck, Projektmanager bei Bayer CropScience in Monheim.

Frisch von der Staude ins Wasserbad: Auf der Finca Acorsa I nahe der Stadt Matina in Costa Rica wäscht Blanca Torres die noch grünen Bananen und bereitet sie für ihre Verpackung vor. Von hier aus reisen die gebogenen Früchte in die ganze Welt.

Aber die Pflanze ist gefährdet – und damit eine wesentliche Säule der Wirtschaft im kleinen Karibikstaat und der Ernährungskette weltweit. Denn besonders Fadenwürmer, Nematoden genannt, schätzen das Gewächs sehr. Die winzigen Schädlinge schlängeln sich – immer gierig auf der Suche nach Nahrung – durchs Erdreich und fallen bevorzugt über die Wurzeln der Bananenstauden her: Mit ihren Mundstacheln bohren sie sich tief in das feinverästelte Netzwerk und saugen alles aus der Pflanze heraus, was diese für ihr Überleben benötigt: Nährstoffe und Wasser. Die Angriffe hinterlassen zudem Wunden in den Wurzeln. Dadurch dringen Pilze und Bakterien ein und beschleunigen den Fäulnisprozess. Die Forscher in Riecks Team bei Bayer CropScience kennen den Hauptschuldigen. „Radopholus similis“ oder „burrowing nematode“: „Die Würmchen sind nicht einmal einen Millimeter lang, aber gehören zu den zehn schädlichsten Pflanzennematoden“, erklärt Rieck.

Nematodenschutz beim Bananenanbau

Älchen mit fataler Wirkung 

Weltweit existieren rund 20.000 verschiedene Nematodenarten, von denen die meisten als Schmarotzer von anderen Lebewesen profitieren – zum Beispiel als Schädling von Bananen-, Kaffee- oder Zuckerrohrpflanzen. Experten schätzen, dass Nematoden rund 81 Prozent aller tierischen Organismen ausmachen. Die meist sehr kleinen, weiß bis farblosen Fadenwürmer werden auch als „Älchen“ bezeichnet und lieben eine feuchte Umgebung.

Fadenwürmer verursachen Ernteverluste in vielen Ländern und Kulturen

Radopholus similis stammt zwar ursprünglich aus Amerika. Durch die Globalisierung der Landwirtschaft und die Vermehrung der Bananen über die Abtrennung von Wurzelteilen oder Schösslingen hat sich der Schädling aber in vielen Ländern Europas, Afrikas und Asiens verbreitet – und sorgt für massive Ernteverluste. Ähnlich sieht es bei anderen Kulturen und Nematodenarten aus. Denn fast jede wichtige Nahrungspflanze wird von Wurzelparasiten angefressen. „Die Sojazystnematoden, die Wurzelgallennematoden bei Gemüse, die Weizenzystnematoden oder die weißen und gelben Kartoffelnematoden machen sich weltweit daran, die Ernten der Grundnahrungsmittel zu dezimieren“, so Rieck.

75 Prozent

der Kartoffelernte weltweit würden ohne modernen Pflanzenschutz Schädlingen oder Krankheiten zum Opfer fallen.

Keine Chance für gefräßige Wurzelvampire: Bayer-Mitarbeiter Jaap Smedema bringt die mit Fluopyram behandelten Pflanzen zurück in die Monheimer Gewächshauskammern.

Boris Coto Calva

Bis zu 20.000 Nematoden, manchmal sogar noch mehr, leben in 100 Gramm Bananenwurzeln. Ist eine Bananenpflanze einmal stark befallen, wird es schwer, sie zu behandeln. Und ohne die nötigen Nährstoffe wachsen die Bananenstauden langsamer und tragen erst spät Früchte, die zudem oft kleiner ausfallen.

Aber zurück nach Costa Rica: „Hier im Bananenanbau gehören Nematoden zu den größten Bedrohungen“, sagt Boris Coto Calvo, Leiter der Entwicklung für Zentralamerika und Karibik bei Bayer CropScience in Costa Rica. Bis zu 20.000 Nematoden, manchmal sogar noch mehr, leben in 100 Gramm Bananenwurzeln. Ist eine Bananenpflanze einmal stark befallen, wird es schwer, sie zu behandeln. Und ohne die nötigen Nährstoffe wachsen die Bananenstauden langsamer und tragen erst spät Früchte, die zudem oft kleiner ausfallen”, so Coto Calvo. Im schlimmsten Fall gehen die Pflanzen zugrunde: „Sie sind besonders gefährdet, wenn sie Früchte tragen“, ergänzt Helmut Fürsch von der Abteilung Global Agronomic Development bei Bayer CropScience: In Costa Rica fegen immer wieder starke Winde über die Küstenebenen – und eine Bananenpflanze, die sich mit ihrer schweren Last dann nicht mehr im Boden festkrallen kann, fällt einfach um und stirbt. „Bis zu 18 Prozent aller Bananenpflanzen in Zentral- und Südamerika werden nach Nematodenbefall auf diese Weise aus dem Boden gehebelt“, schätzt Coto Calvo.

Revolution im Erdreich

Ihre Gefahr sollte man nicht unterschätzen: Von Tomaten über Kartoffeln bis hin zu Mais und Trauben – Nematoden sorgen in all diesen Kulturen weltweit für immense Ernteeinbußen von teilweise bis zu 50 Prozent.

Pflanzenschutz sichert Ernährung

Die Landwirtschaft steht weltweit vor enormen Herausforderungen: mehr Menschen, ein höherer Lebensmittelbedarf und veränderte Ernährungsgewohnheiten. Über sieben Milliarden Menschen weltweit müssen heute täglich ernährt werden – und jährlich kommen 82 Millionen hinzu. 8,8 Millionen sterben jedes Jahr bei Hungersnöten und an deren Folgen – mehr als an HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen. Alle drei Sekunden stirbt irgendwo in der Welt jemand an Hunger – rein rechnerisch wäre so die gesamte Bevölkerung Berlins innerhalb von 140 Tagen verschwunden. Ohne modernen Pflanzenschutz ist die sichere Versorgung unserer Welt mit Lebensmitteln kaum möglich. Seit den 1960er Jahren konnten so beispielsweise die Weizenerträge um 50 Prozent gesteigert werden. Allerdings kann selbst der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln die Ernten nicht vollständig schützen: Aktuell können rund 60 Prozent der weltweiten Ernten gesichert werden.

Gesunde und befallene Bananenwurzeln im Vergleich: Die faulige Probe im Vordergrund zeigt im Querschnitt sichtbare Spuren der Schädlinge.

Die Ernteverluste bedrohen weltweit Groß- und Kleinbauern in ihrer Existenz

Für den Landwirt ist das ein extremer Verlust, denn ein Bananenstamm trägt nur einmal in seinem Leben Früchte. Die Pflege eines ganzen Jahres war damit umsonst – und das kann für große Farmen, besonders aber für Kleinbauern den Ruin bedeuten. Zudem können Bananenpflanzen bis zu 40 Jahre alt werden. Sobald eine Pflanze infiziert ist, ist jeder neue Schössling gefährdet. Das bedroht die Ernten der Bauern Jahr für Jahr. „Nematodenschäden verursachen weltweit Ernteverluste von mehreren Hundert Millionen Euro“, so Fürsch. Und auch wenn sich diese Zahl auf viele Länder und Landwirte verteilt – ein Kleinbauer in einem Entwicklungsland verliert schon bei wenigen 100 Euro seine Existenzgrundlage. Deshalb suchen Forscher von Bayer CropScience bereits seit vielen Jahren nach einem effektiven, aber für Pflanze und Mensch möglichst verträglichen Nematizid. Jetzt haben die Wissenschaftler einen Ansatz gefunden, der zunächst ungewöhnlich klingt. Die Pflanzenschutzexperten bekämpfen die gefräßigen Würmchen mit einer Substanz, die als Fungizid seit 2012 Obst- und Gemüsebauern weltweit Schutz vor schädlichen Pilzerkrankungen bietet: das Anti-Pilzmittel Fluopyram.

15 - 50 Prozent 

der Lebensmittel gehen nach der Ernte verloren.

Der Zellentreibstoff

Atmen, essen, verdauen, fortbewegen – jedes Lebewesen braucht Energie, damit diese wichtigen Vorgänge im Körper funktionieren. Und die wird in jeder einzelnen Zelle produziert: aus Adenosintriphosphat – kurz ATP. Fehlt das ATP, stirbt die Zelle und wenn sehr viele Zellen betroffen sind, auch der Organismus.

Eine Jahrhundertentdeckung: Fluopyram wirkt gegen Pilzerkrankungen und Nematoden

Rieck und sein Team erhielten den entscheidenden Tipp von Kollegen aus der Fungizid-Forschung in Costa Rica. Ursprünglich wurde die Substanz auf die Bananenblätter gesprüht, um diese gegen den Pilz Black Sigatoka zu behandeln. Doch nach dem Tipp der Kollegen brachten die Forscher das Produkt in den Boden ein, um weitere Anwendungsmethoden für das Fungizid zu finden. So konnten sie zum ersten Mal zeigen, dass auch die Wurzeln von dem Wirkstoff profitieren und dass er die Zahl der Nematoden reduziert. Und obwohl man eine vergleichsweise geringe Dosierung einsetzte, half die Behandlung auch langfristig. „Unser Forscher Rodolfo Ceciliano und der technische Leiter Omar Arias, der zuerst den nematiziden Effekt Fluopyrams bei Bananen entdeckte, waren bei den Feldversuchen völlig begeistert von der Wirkung“, erklärt Dr. Robert Brinkmann vom Team Global Field Trials Operations bei Bayer CropScience. Er war bei den ersten Tests 2009 in Costa Rica selbst dabei. „So etwas hatte ich in den zwanzig Jahren meiner Arbeit noch nicht gesehen: Die Wurzeln sahen sehr gesund aus“, erklärt der Forscher heute noch begeistert. Eine genauere Untersuchung unter dem Mikroskop brachte dem Team schnell Gewissheit: Die Anti-Pilz-Behandlung mit Fluopyram bewirkt gleichzeitig einen Schutz vor Nematoden. „Unser Anspruch war, so lange zu forschen und nach anderen Wirkstoffen zu suchen, bis wir eine neue Lösung gefunden haben, die sowohl wirksam als auch sicher für Landwirt und Verbraucher ist“, sagt Fürsch. Umso willkommener ist Fluopyram. Auf Feldern in Costa Rica, den USA, Italien und Südafrika sowie in Laboren und Gewächshäusern in Deutschland machten sich Bayer-Wissenschaftler gleich nach den ersten Tests daran, die Wirkungsweise von Fluopyram weiter zu erforschen.

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Laboruntersuchungen bringen Gewissheit: Bayer-Mitarbeiterin Thekla Taufferner bereitet viele verschiedene Wurzelproben auf das Hochdurchsatz-­Sensitivitäts-Monitoring vor. Hier zeigt sich zweifelsfrei, ob das Mittel gewirkt hat.

Marc Rist, einer der Forscher in Monheim und Mitarbeiter der Abteilung Research Pest Control bei Bayer CropScience erklärt, wie der Wirkstoff funktioniert: „Wir schalten die Nematoden aus, indem wir ihre Energiezufuhr unterbrechen.“ Denn um erfolgreich in die Bananenwurzeln einzudringen, brauchen die Fadenwürmer wie jedes Lebewesen Energie. Dazu produzieren die Zellen der Schädlinge das Molekül Adenosintriphosphat – kurz ATP. Nur aufgrund dieses zellulären Treibstoffs können Lebewesen atmen, Nahrung verdauen, sich fortbewegen und fortpflanzen. „Fluopyram greift genau in diesen Stoffwechsel ein, indem es die ATP-Bildung verhindert“, so Rist. Die Folge: Die Nematoden können sich nicht mehr bewegen, bleiben langgestreckt wie eine Nadel regungslos im Erdreich zurück, wo sie schließlich absterben. Fürsch: „Das Mittel wirkt auch am Anfang der Nematodenentwicklung: Der Schädlingsnachwuchs schlüpft verspätet aus den Eiern – und dadurch verzögert sich die Generationsfolge der Nematoden.“ 

Interview: Miguel Quesada Badilla

Miguel Quesada Badilla

„Wir brauchen neue Strategien“

„research“ sprach mit Miguel Quesada Badilla, ehemals leitender Nematologe beim Obst- und Gemüseproduzenten Del Monte, über das weltweite Nematologenproblem.

Wie gefährlich sind Nematoden für verschiedene Kulturen?

Wurzelgallen- und Wurzelzystennematoden sind die am weitesten verbreiteten und wirtschaftlich bedeutendsten pflanzenparasitären Nematoden. Sie verursachen schwere Schäden an Kulturen wie Obstbäumen, Gemüsen, Getreiden, Ölsaaten, Blumen, Zierpflanzen, Rasengräsern und so weiter.

Sind Nematoden auch außerhalb Costa Ricas ein Problem?

Das Problem hat globale Ausmaße. Nematoden sind in fast allen Lebensräumen zu finden. Da sie mikroskopisch klein sind und im Boden leben, werden sie auch als „unsichtbarer Feind“ bezeichnet. Es braucht nationale und internationale Quarantänemaßnahmen, um einen Befall zu verhindern.

Gefährden Nematoden die globale Lebensmittelversorgung?

In den nächsten Jahrzehnten werden es Landwirte mit tödlichen, ihnen bis dahin unbekannten Schädlingen zu tun bekommen. Das Nematodenmanagement wird daher zu einer immensen Herausforderung im Hinblick auf unsere Lebensmittelversorgung. Wir brauchen neue Strategien – besonders in Entwicklungsländern.

Aber der Wirkstoff Fluopyram, der unter den Markennamen Velum™ und Verango™ vertrieben wird, ist nur ein Teil des Erfolgs der Bayer-Forscher im Kampf gegen das Nematodenproblem. Die Wissenschaftler kombinierten ihr Mittel aus dem chemischen Pflanzenschutz zusätzlich mit einem Mikroorganismus aus der Natur: Sie nutzten den Bodenpilz Purpureocillium lilacinum, Stamm 251, ein sogenanntes Biologikum, das als BioAct™ vermarktet wird. Der Pilz besiedelt die Eier der Nematoden und verhindert so, dass die Larven überhaupt schlüpfen können.

Die Erde von unten: Mit dem Taschenmesser begutachtet Agraringenieur Rodolfo Ceciliano Solis die Wurzeln einer Bananenpflanze, misst ihr Wachstum und sucht nach Befallsspuren.

Interview: Prof. Dr. Harald von Witzke

Prof. Dr. Harald von Witzke

„Ohne Pflanzenschutz keine sichere Ernährung“

Ohne Pflanzenschutz würden die Erträge weltweit stark einbrechen, sagen Experten. „research“ sprach darüber mit Prof. Dr. Harald von Witzke, Agrarforscher an der Berliner Humboldt-Universität.

Welchen Beitrag leistet der Pflanzenschutz zur Sicherung
der Ernten?

In einer Studie haben wir verglichen, was passiert, wenn wir Pflanzenschutz einsetzen und was, wenn wir darauf verzichten. Das Ergebnis ist, dass die durch Pflanzenschutz zusätzlich generierte Wertschöpfung allein in Deutschland im Bereich von vier Milliarden Euro jährlich liegt. Damit sichert der Pflanzenschutz allein in Deutschland die Lebensgrundlage, also die Ernährungsgrundlage, von bis zu 200 Millionen Menschen.

Was bedeutet das konkret?

Das lässt sich gut am Beispiel Weizen erklären. Im Durchschnitt erwirtschaften moderne Landwirte in Deutschland über 120 Prozent mehr Ertrag als vergleichbare Öko-Betriebe. Geringer waren die Unterschiede beim Raps. Aber auch dort erwirtschafteten konventionelle Betriebe rund 50 Prozent mehr Ertrag.

Warum gibt es solche riesigen Unterschiede?

Weil immer noch 40 Prozent der potenziellen Weltproduktion durch Pflanzenkrankheiten und Pflanzenschädlinge verloren gehen. Davon könnten wir die Hälfte einsparen, wenn die Bauern überall auf der Welt hinreichend Zugang zu Pflanzenschutzmaßnahmen hätten.

Wie belastbar sind diese Zahlen?

Wir arbeiten ausschließlich mit geprüften, öffentlich zugänglichen Daten. Zum Beispiel greifen wir auf die Ergebnisse von Bauernhöfen im Testbetriebsnetzwerk des Bundeslandwirtschaftsministeriums zurück. Dort wird Jahr für Jahr dokumentiert, wie hoch die Ertragsunterschiede zwischen konventionellen und Öko-Betrieben sind. Noch nie zuvor wurden so umfassende Datenmengen zu Ertragsunterschieden in der Landwirtschaft analysiert.

Was bedeuten diese Zahlen aus Deutschland für die ­Welternährung?

Der Bedarf der Welt an Nahrungsgütern wird sich in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts mehr als verdoppeln. Und diesen rasch wachsenden Bedarf können wir nur durch Ausdehnung der Flächen oder durch steigende Produktivität befriedigen. Eine Flächenausdehnung ist nur sehr begrenzt möglich, da die weltweit für die Nahrungsproduktion zur Verfügung stehenden Flächen begrenzt sind. Also bleibt vorrangig eine Steigerung der Produktivität auf denjenigen Flächen, die bereits heute landwirtschaftlich genutzt werden. Und da kommt dem Pflanzenschutz eine große Bedeutung zu.

Etwa 

40 Prozent 

der globalen Pflanzenproduktion gehen jährlich durch Unkräuter, Insekten und Pflanzenkrankheiten verloren.

In Kombination mit einem Biologikum genügt eine einzige Behandlung jährlich

Ist der Boden also durch die Fluopyram-Behandlung bereits von den ausgewachsenen Nematoden befreit, lässt sich mit dem Biologikum verhindern, dass eine neue Generation heranwächst und die Pflanze zu einem späteren Zeitpunkt schädigt. „Mit der Kombination von biologischen Mitteln und Fluopyram bekommen wir das Beste aus beiden Prinzipien: Die Effizienz des chemischen Wirkstoffs tötet die lebenden Nematoden, und mit dem biologischen Wirkstoff vermindern wir deren Reproduktion“, so Rieck. Bisherige Tests zeigen, dass die integrierte Pflanzenschutzstrategie aufgeht: Fluopyram alleine ist schon ein Durchbruch. Zusammen mit dem Biologikum ist es aber einzigartig. Denn das Bayer-Mittel wirkt nicht nur sehr gut, es bietet für die Farmer auch ganz praktische Vorteile: Bereits eine einzige Behandlung mit Fluopyram pro Jahr in Kombination mit einer biologischen Pflanzenschutzlösung oder einem chemischen Nematizid reichen aus, um die Plantagen vor Nematoden zu schützen. Bisherige Nematizide hatten dagegen mehrere Nachteile: „In den 1970er Jahren gab es zwar sehr effektive Nematizide auf dem Markt. Aber meist hatten sie stark toxische Eigenschaften“, sagt Rieck. „Fluopyram als Wirkstoff ist viel weniger toxisch als die früheren Produkte“. Pro Hektar schleppten die Farmer drei- bis viermal jährlich viele Kilogramm an Wirkstoff von Pflanze zu Pflanze. Denn nur in hoher Dosierung waren die Mittel erfolgreich. Doch Dank der innovativen Bayer-Forscher ist das jetzt Geschichte: „Bereits bei 500 Gramm pro Hektar ist der Wirkstoff in der Lage, nicht nur kurzfristig eine Nematodenplage zu beseitigen, sondern garantiert sogar noch Monate nach der Behandlung gesunde Wurzeln“, erklärt Fürsch. Und das bedeutet nicht nur höhere Erträge: Weil die Bananenpflanze durch Fluopyram systematisch gestärkt wird, brauchen Farmer, die den Bayer-Wirkstoff nutzen, auch weniger Substanzen auszubringen, um die Pflanzen vor anderen Erkrankungen zu schützen. Angesichts des wachsenden Gesundheitsbewusstseins ein schlagkräftiges Argument: „Die gestiegenen Ansprüche der Verbraucher hinsichtlich Qualität spüren auch unsere Partner in der gesamten Food Chain, zum Beispiel Großhändler wie Chiquita, Del Monte, Dole oder Univeg“, sagt Heiko Rieck. Seit Jahren drängen diese auf eine nachhaltige Lösung, um die Supermarktregale ausreichend mit Bananen befüllen zu können.

Bei der Kontrolle: Die Bayer-Experten Boris Coto Calvo, Rodrigo Olivares und Rodolfo Ceciliano Solis testen in Costa Rica, ob die Behandlung mit Fluopyram Wirkung zeigt.
In Monheim zählt Bayer-Mitarbeiterin Katja Twelker die durch Fluopyram gelähmten Nematoden.

Aber nicht nur der weltweite Bananennachschub ist durch ­Fluopyram gesichert: Die integrierte Strategie wirkt auf fast alle Nematodenarten und hilft im Maisanbau ebenso wie auf dem Sojaacker. Besonders effektiv ist der Wirkstoff bei Wurzelgallennematoden wie Meloidogyne incognita, die viele Gemüsearten befallen und dadurch zu erheblichen Ertrags- und Qualitätseinbußen führen. Möhren beispielsweise sind deformiert und bilden an den Wurzeln typische Verdickungen, sogenannte Gallen. „Durch die erheblichen Qualitätseinbußen lassen sich die Möhren leider nicht mehr vermarkten“, sagt Rist. Das Gemüse kommt nicht mehr in den Handel, der Schaden für die Landwirte ist beträchtlich: „In vielen Kulturen führt dies zu massiven Minder­erträgen“, sagt Rist, der die Wirkung der chemischen Verbindung auch bei Tomaten und Gurken weiter erforscht.

Marc Rist

Das Bewusstsein, dass Nematoden die Ernten schädigen können, ist in vielen Entwicklungsländern noch nicht vorhanden. Viele wissen gar nicht, warum ihre Ernten so niedrig ausfallen.

Gute Akzeptanz bei den Landwirten und Großhändlern in Costa Rica

Unter den Bananenfarmern in Costa Rica und anderen Ländern Zentralamerikas sorgt Fluopyram deshalb für Furore. „Die Akzeptanz der Landwirte und Großhändler ist enorm“, erzählt Coto Calvo. Sie loben die einfache Handhabung, die geringere chemische Belastung sowie die Gesundheit und Menge der Wurzeln. Die Wirkung des Nematizids wird regelmäßig geprüft, indem Forscher wie Fürsch, Brinkmann oder Coto nach der Behandlung die Wurzeln begutachten. Ihre Tests zeigen: Sie sind gesund. Doch die Forschung geht weiter. Wie viel Fluopyram wird von den Wurzelsystemen welcher Pflanze aufgenommen? Welchen Einfluss hat die Bodenbeschaffenheit? Und wie lange schützt Fluopyram eine Pflanze vor dem Nematodenbefall? Antworten auf solche Fragen suchen die Bayer-Forscher auf dem Feld, im Gewächshaus und im Labor. Doch es gibt noch eine viel wichtigere Frage: Wie stellt man sicher, dass Bauern überall auf der Welt diese Schädlinge kennen? „Das Bewusstsein, dass Nematoden die Ernten schädigen können, ist in vielen Entwicklungsländern noch nicht vorhanden. Viele wissen gar nicht, warum ihre Ernten so niedrig ausfallen“, erklärt Rist. „Wenn wir ein Bewusstsein schaffen für die Bedrohung durch Nematoden, tragen wir dazu bei, die Erträge zu steigern – und helfen damit den Bauern, ihre Ernten und die weltweite Ernährung zu sichern“, so Rist weiter.