Ausgabe 25, 2013
Im Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Plischke

„Innovationen brauchen kalkulierte Sprünge ins Ungewisse“

  • Forschungschef: Prof. Dr. Wolfgang Plischke gehört dem Vorstand der Bayer AG an. Er ist verantwortlich für die Bereiche Technologie, Innovation & Nachhaltigkeit und betreut darüber hinaus die Region Asien/Pazifik.
  • Forschungschef: Prof. Dr. Wolfgang Plischke gehört dem Vorstand der Bayer AG an. Er ist verantwortlich für die Bereiche Technologie, Innovation & Nachhaltigkeit und betreut darüber hinaus die Region Asien/Pazifik.
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Forschungschef: Prof. Dr. Wolfgang Plischke gehört dem Vorstand der Bayer AG an. Er ist verantwortlich für die Bereiche Technologie, Innovation & Nachhaltigkeit und betreut darüber hinaus die Region Asien/Pazifik.

Herr Professor Plischke, Sie sind jetzt seit etwa 33 Jahren für Bayer tätig und haben das Unternehmen auf einer langen Wegstrecke begleitet. Sie gehen 2014 in Ruhestand. Welche Erkenntnisse bleiben Ihnen besonders in Erinnerung?

Vor allem eines: Wandel und Anpassung sind wesentlich für ein Unternehmen, das dauerhaft bestehen möchte. Bayer blickt auf eine lange und sehr erfolgreiche Geschichte als Innovationsunternehmen zurück: Aus einer kleinen Farbenfabrik im heutigen Wuppertal-Barmen ist ein Weltkonzern mit mehr als 110.000 Mitarbeitern entstanden. Viele mögen dabei zunächst an Begriffe wie Tradition und Kontinuität denken. Tatsächlich aber blickt Bayer auf 150 Jahre permanenter Veränderung und Erneuerung zurück.

Welche Eigenschaften haben Bayer aus Ihrer Sicht durch Zeiten des Wandels getragen?

Erstens hat Bayer in Krisenzeiten die notwendige Disziplin besessen und gelernt, sich zu fokussieren. Zweitens haben wir zu keiner Zeit das Risiko gescheut, durch hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung für die Zukunft vorzusorgen. Wir dürfen in der Forschung keine Philosophie der reglementierten Risikoscheu verfolgen, sondern müssen auch immer wieder kalkulierte Sprünge ins Ungewisse zulassen. Übersetzt bedeutet das, dass wir Kreativität und Innovation nicht durch unbedingten Erfolg und Perfektion hemmen dürfen. Wer früh scheitert, kann daraus lernen und schnell neu anfangen – und so nach­haltigen Erfolg sichern.

Was waren in Ihrer Zeit als Vorstandsmitglied die größten ­Herausforderungen für die Bayer-Forschung?

Mein besonderes Augenmerk lag auf der Förderung von Kooperationen. Insbesondere von Kooperationen mit der Wissenschaft und unseren Geschäftspartnern. Eine stärkere Öffnung von Bayer nach außen eröffnete große Chancen, die wir in allen Geschäften mittlerweile realisiert haben. Aber auch die Kooperation der Forschung und Entwicklung zwischen den Teilkonzernen, das sogenannte Best Practice Sharing, wollte ich verbessern. Hier liegen große Potenziale, beispielsweise in der Prozesstechnologie, in der Biotechnologie und in der Systembio-logie. Und Projekte wie „Pharma to Agro, or Agro to Pharma“ haben uns einige neue Produkte beschert. Die in den vergangenen Jahren begonnene gemeinsame Forschung in Life Sciences – sogar über die Artengrenzen hinweg – wird uns noch viele interessante Projekte bescheren. Davon brauchen wir viele, denn bei Bayer glauben wir an Wachstum durch Innovation. Dies kann aber nur durch Fokus auf die erfolgversprechendsten Projekte und Arbeitsgebiete erreicht werden. Diese müssen wir finden und kontinuierlich fördern. Darauf lag mein Augenmerk. Dazu wollte ich beitragen.

Innovationen entstehen heute mehr denn je in globalen Netzwerken und Partnerschaften. Forschungskooperationen gewinnen also immer mehr an Bedeutung. Wie wird sich das in Zukunft weiterentwickeln?

Die Bedeutung von Partnerschaften wird immer wichtiger werden. In der Forschung, besonders in den Lebenswissenschaften, muss man sich einen großen Optionsraum eröffnen. Man muss viele „Eisen im Feuer“ haben, die erfolgversprechend sind und von exzellenten Wissenschaftlern bearbeitet werden. Allein nur mit internen Ressourcen ist dies mit vernünftigem Aufwand nicht möglich. Man kann nicht überall, zu jeder Zeit Spitzenklasse sein – aber trotzdem Innovationen schaffen.

Und auf welchem Forschungsgebiet sehen Sie künftig das größte Potenzial für Bayer?

Natürlich in unseren Kernforschungsgebieten. Aber was ich besonders vielversprechend finde, sind beispielsweise neue Ansätze in der Herz-Kreislauf-Forschung, oder in der Herbizid­forschung. Und natürlich die Opportunität, die sich aus den gemeinsamen Forschungsansätzen bei Bayer CropScience ergeben – der Saatgutforschung, der Biologikaforschung und der Pflanzenschutzforschung.

Und welchen Themen sollte sich die internationale Forscher-gemeinschaft verstärkt widmen?

Wir benötigen Grundlagenforschung, die sich nur der wissenschaftlichen Neugier verpflichtet fühlt. Aber wir müssen sicherstellen, dass genügend Ressourcen in die Lösung der Herausforderungen unserer Zeit fließen, beispielsweise in die Erhöhung der nachhaltigen Produktivität der Landwirtschaft oder dem Kampf gegen die Verursacher der meisten Todesfälle in der Welt – dem Krebs und den Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wenn Sie heute Ihre wissenschaftliche Karriere starten könnten, woran würden Sie gerne forschen?

Ich würde nicht anders forschen als vor fast 40 Jahren. Die Idee, Pflanzen mit vorteilhaften Eigenschaften zu schaffen, fasziniert mich nach wie vor. Und gerade heute bieten die modernen Methoden der Pflanzenzüchtung und die verbesserten molekularbiologischen Instrumente auch besondere Möglichkeiten. Spannend finde ich auch Forschungsgebiete, die sich mit der Interaktion von Organismen beschäftigen. Mich interessiert hierbei beispielsweise, wie Pflanzen miteinander kommunizieren, wie Insekten und Pflanzen oder wie Symbiont und Wirt im Humanbereich miteinander kommunizieren. Ich glaube, bei der Beantwortung dieser Fragen eröffnen sich neue Welten und Möglichkeiten für die Entwicklung von neuen Produkten für die Tier- und Pflanzengesundheit, aber eben auch für die Humanmedizin.

Welche Lebensprinzipien haben Sie durch Ihre berufliche Karriere begleitet?

Ich habe versucht, trotz aller Erfolge stets auf dem Boden zu bleiben und immer mein Bestes zu geben.

Warum haben Sie eigentlich den Weg in die Forschung eingeschlagen?

Weil ich durch meinen Schulunterricht in Biologie und Chemie dazu animiert wurde.

Welche Vorbilder hatten Sie als junger Wissenschaftler?

Meine Vorbilder waren zu jener Zeit Max Delbrück, Werner Arber oder Jozef Schell.

Und was braucht ein guter Forscher heute?

Heute wie früher gilt, dass gute Forscherinnen und Forscher voller Neugier und mit Durchhaltevermögen ausgestattet sein müssen. Wissenschaftler müssen einen unbedingten Willen besitzen – ein Feuer in sich tragen –, ein Problem zu lösen. Heute setzt das aber neben der individuellen Stärke die Fähigkeit zur Teamarbeit voraus. Und die Bereitschaft und Flexibilität, ständig weiterzulernen, weil sich das Wissen in Windeseile vergrößert.

Was sind die wesentlichen Voraussetzungen für Innovationen?

Innovationen erfordern Neugierde, Freude an Veränderung und an ständiger Verbesserung. Das ist nicht selbstverständlich, das muss gelehrt werden. Daher ist ein gutes Bildungs- und Ausbildungswesen für jeden Innovationsstandort unerlässlich. Aber damit wir – als Unternehmen und als Gesellschaft – auch weiterhin erfolgreich sein können, müssen wir nicht nur unsere Angst vor Veränderungen ablegen, sondern auch an der Wertschätzung für Innovationen in der Gesellschaft insgesamt arbeiten.

Letzte Änderung: 12. Dezember 2013  Copyright © Bayer AG
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