Im Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Plischke
Bild vergrößernForschungschef: Prof. Dr. Wolfgang Plischke gehört dem Vorstand der Bayer AG an. Er ist verantwortlich für die Bereiche Technologie, Innovation und Nachhaltigkeit und betreut darüber hinaus die Region Asien/Pazifik.
Herr Professor Plischke, immer wieder sind in der Forschungslandschaft Schlagworte wie „Open Innovation“ und „Innovation durch Kooperation“ zu hören. Welche Forschungsstrategien verfolgt Bayer?
Zunächst einmal orientieren wir uns mit unseren Forschungs und Entwicklungsaktivitäten eng an den Bedürfnissen der jeweiligen Märkte. Und das bedarf vor allem einer sehr flexiblen und effizienten Anpassung unserer Strategien. Denn echte Innovationen resultieren heute immer stärker aus Kooperationen über Fachdisziplinen hinweg. Nur vernetztes Arbeiten – mit internen wie externen Partnern -schafft Markterfolge durch Forschungskompetenz. Und heutzutage kann kein Unternehmen diesen Anspruch mehr alleine erfüllen. Kooperationen und Partnerschaften sind inzwischen ein fester Bestandteil der Innovationskultur forschender Unternehmen. Und für Bayer bedeutet das: Forschung, die keine Bereichsgrenzen kennt. Der Kooperationsgedanke erfasst immer mehr Bereiche unseres Alltags innerhalb und außerhalb der Grenzen unseres Unternehmens.
Was bedeutet das genau?
Nun, zunächst einmal ergänzen wir selbstverständlich unser eigenes umfangreiches Know-how durch internationale Netzwerke aus führenden Hochschulen, öffentlichen Forschungseinrichtungen und Partnerfirmen. Immerhin geben wir zum Beispiel von unseren knapp drei Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung inzwischen knapp ein Viertel extern in Kooperationen aus. Dabei nehmen die Kooperationen im Bereich der Biologie – also aus den Life-Sciences-Bereichen HealthCare und CropScience – mit mehr als zwei Dritteln den größten Raum ein. Und die Herausforderung dabei ist es, die Partnerschaften intelligent zu gestalten – je nach Zielsetzung und Fähigkeiten der beiden Partner muss das richtige Modell für eine Kooperation gefunden werden.
Und wie wählen Sie die Kooperationspartner aus?
Noch finden sich die meisten Kooperationspartner von Bayer in Deutschland und Europa. Das hat vor allem historische Gründe: Unsere Forschungszentren befinden sich hauptsächlich in Deutschland und Europa. Und obwohl die modernen Kommunikationsmittel ja bereits enorme Möglichkeiten bieten, sind es doch oftmals die direkten, persönlichen Kontakte, von denen innovative Forscher leben. Wenn wir also über Kooperationen und Partnerschaften nachdenken, dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass Intensität und Erfolg unter anderem auch von der räumlichen Nähe der Partner abhängen. Aber oberste Priorität für wissenschaftliche Projekte hat natürlich die Expertise. Danach suchen wir unsere Partner aus. Und obwohl wir viele exzellente Partnerschaften in vielen Ländern der Welt haben, wird deutlich, dass Europa weiterhin zu den Regionen zählt, die über ein herausragendes wissenschaftliches Know-how verfügt. Durch eine gut organisierte Kooperation können wir uns weiter auf unsere Kernstärken konzentrieren. Und unsere Fachkentnisse in Bereichen ergänzen, in denen wir unsere eigenen Aktivitäten selbst nicht intensivieren wollen.
Wie gestaltet Bayer solche Kooperationen?
Wichtig ist es, maßgeschneiderte Modelle für die verschiedenen Zielsetzungen zu entwickeln. Das kann sich von relativ breit aufgesetzten Modellen dem sogenannten „Crowd Sourcing“, dem Einbinden von einer großen Anzahl an unbekannten potenziellen Partnern bis hin zu ganz spezifischen gemeinsamen Projekten erstrecken wie beispielsweise für eine genau definierte Indikation im HealthCare-Bereich. Eine wichtige Rolle nehmen für Bayer aber auch die sogenannten „Strategischen Partnerschaften“ ein. Hier stehen sowohl die gemeinsame Entwicklung von Ideen als auch weitere Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette im Fokus. Die Kombination von außen kommender Ideen und Know-how mit der Kompetenz innerhalb unseres Unternehmens soll ja letztlich nicht nur unseren Kerngeschäften und denen unserer Partner zugutekommen, sondern auch der Gesellschaft von morgen. Ganz im Sinne von „Science For A Better Life“.
Wirkt sich der Vernetzungsgedanke denn auch auf die internen Arbeitsweisen aus?
Aber sicher. „Open Innovation“ wird bei uns nicht nur mit externen Partnern praktiziert, sondern auch intern gelebt. Betrachten Sie beispielsweise den Bereich der Life Sciences. Hier können wir durch unsere gebündelte Forschungskraft punkten. Denn nicht nur die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, sondern auch die Entwicklung anderer Hochdurchsatz-Analysemethoden haben die Lebenswissenschaften seit der Jahrtausendwende revolutioniert: Riesige Datenmengen lassen sich damit experimentell generieren. Für die systematische Auswertung sind heute bei Bayer neben Molekularbiologen, Biochemikern und Pharmazeuten auch Experten aus Mathematik, Informatik und den Ingenieurwissenschaften gefragt. Dieses wachsende Verständnis über die biologischen Vorgänge in lebenden Organismen ermöglicht uns nicht nur neue Therapieansätze in der Medizin, sondern auch die gezielte Verbesserung von Pflanzeneigenschaften. Und gerade die Zusammenarbeit zwischen Forschern von Bayer Pharma, Animal Health und Bayer CropScience wollen wir jetzt noch intensivieren. Dazu haben wir das Projekt Nimbus gegründet, mit dem wir die Forschung bei Bayer HealthCare und Bayer CropScience stärker miteinander verbinden wollen.
Welchen Nutzen versprechen Sie sich davon?
Wir sehen darin enormes Potenzial. Denn mit zunehmendem Wissen über die Funktionsweise von Organismen haben wir beispielweise gelernt, dass sich – aus molekularbiologischer Sicht – die wissenschaftlichen Herausforderungen in unseren Bereichen Pharma, Tiergesundheit und in unserem Agrargeschäft gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Die Forscher in diesen Bereichen beschäftigen sich ja grundlegend mit ähnlichen Fragen: Wie kann man Gene gezielt an- oder abschalten? Auf welchem Weg gelangen Wirkstoffe in das Innere von Zellen? Und wir haben bereits Projekte, bei denen Forscher in ihrer Arbeit über Speziesgrenzen hinweg zusammenarbeiten. Doch der Austausch unserer Experten aus den unterschiedlichen Fachgebieten – also der Forschung für die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze – lässt sich noch weiter verbessern.
Passen die vorhandenen Technologien zusammen?
Ja sicher, auch das haben wir natürlich im Rahmen von Nimbus beleuchtet. Und es zeigen sich zahlreiche Überschneidungen – zum Beispiel beim Sequenzieren von Genomen oder beim Modellieren am Computer. Ein Beispiel ist die Technologie-Plattform unserer HealthCare-Kollegen in Köln: Ein Schwerpunkt unserer Forschung liegt hier auf Antikörpern für die Krebstherapie. Diese Medikamentenklasse wird heute mithilfe modernster Screening-Technologien erforscht, optimiert und entwickelt. Die dort generierten Daten werden zentral in der sogenannten „biologics data platform” gespeichert, die allen Forschern zur Verfügung steht. Auch die CropScience-Forscher greifen auf die Technologie aus Köln zu – zur Entwicklung biotechnologisch produzierter Proteine für verbesserte Pflanzeneigenschaften. Auch außerhalb der Life Sciences arbeiten unsere Forscher eng bereichsübergreifend zusammen. Beispiel Katalyse – eine Basistechnologie für die Chemieindustrie. Hier entwickeln und optimieren die Spezialisten von Bayer Technology Services unter anderem mit den Kollegen von MaterialScience neue Prozesse.
Wie werden die Investitionen bezahlt?
Um beispielsweise die Nimbus-Initiativen zu finanzieren, stellt der Konzern Geld aus dem neu gegründeten „Life Sciences Fund“ zur Verfügung. Damit wollen wir die Entwicklung von Innovationen vorantreiben. Denn gerade in frühen Phasen einer Entwicklung kann die Unterstützung aus einem übergeordneten Fonds sehr hilfreich sein. Naturgemäß haben Investitionen in frühe Forschung ja auch immer ein gewisses Risiko des Scheiterns. Im Erfolgsfall allerdings kann der Nutzen auch entsprechend groß sein – und dem gesamten Bayer-Konzern zu wichtigen Wettbewerbsvorteilen verhelfen.