Ausgabe 26, 2014
Im Gespräch mit Kemal Malik

„Freiraum für Forschergeist“

Kemal Malik ist seit 1. Februar 2014 Mitglied im Vorstand der Bayer AG. Er verantwortet nun den Bereich Innovation. Der 51-jährige Mediziner wechselte als praktizierender Arzt in die pharmazeutische Industrie und leitete ab 1995 die Therapiegebiete Stoffwechsel und Onkologie für Europa bei Bayer. Danach folgten Stationen als Leiter der Medizinischen Entwicklung und dann als Leiter der Globalen Entwicklung bei Bayer HealthCare. Mit „research“ sprach Malik unter anderem über wichtige Innovationstreiber im Unternehmen.

Innovationen im Blick: Kemal Malik gehört dem Vorstand der Bayer AG an. Er ist verantwortlich für den Bereich Innovation und für die Regionen Nord- und Lateinamerika.Zoom image
Innovationen im Blick: Kemal Malik gehört dem Vorstand der Bayer AG an. Er ist verantwortlich für den Bereich Innovation und für die Regionen Nord- und Lateinamerika.

Herr Malik, Bayer-Wissenschaftler betreiben Spitzenforschung an den Schnittstellen der Life-Science-Bereiche. Welche Bedeutung hat das für das Unternehmen?
Ich glaube, es ist unstrittig, dass Innovation für jedes Unternehmen überlebenswichtig ist. Im Englischen heißt das ganz einfach: ‚Innovate or die.’ Bayer ist ein Innovationsunternehmen von Weltrang. Ohne Wissenschaft, also ohne Forschung und Entwicklung, werden wir die aktuellen globalen Herausforderungen nicht meistern können. Innovationen in den Life Sciences – also den Geschäftsfeldern Gesundheit und Agrarwirtschaft – sichern Zukunft. Und zwar nicht nur die unseres Unternehmens, sondern auch – global gesehen – die der Menschen auf unserer Erde. Langfristige Wachstumsimpulse erwarten wir uns bei Bayer von der interdisziplinären Forschung auf den Gebieten der Human-, Tier- und Pflanzengesundheit. Wir sind überzeugt, dass hier erhebliche Forschungssynergien existieren. Insgesamt wollen wir im Konzern unsere Investitionen in Forschung und Entwicklung 2014 auf rund 3,5 Milliarden Euro erhöhen. Der Erfolg von Bayer ist jedoch, dass Innovation die fundamentale Basis für Nachhaltigkeit in unserem Unternehmen ist. Wir haben eben unseren 150. Geburtstag gefeiert. Und indem wir Neuheiten auf den Markt bringen, stellen wir sicher, dass wir auch noch weitere 150 Jahre feiern können.

Reichen denn Investitionen in Spitzenforschung allein aus, um Innovationsfähigkeit zu garantieren?

Also, bahnbrechende Entwicklungen sind ja nicht allein ein Ergebnis davon, dass wir Geld ausgeben. Das haben wir in der gesamten Industrie beobachtet. Aber wir müssen natürlich garantieren, dass wir ausreichend investieren und so unsere Pipeline sichern. Innovationen kann es außerdem nur geben, wenn wir auch die kreativsten Köpfe und Forscher mit Ideen und Leidenschaft zusammenbringen. Deshalb erweitern wir stetig unser Netzwerk mit exzellenten Forschungspartnern aus Wissenschaft und Industrie weltweit. Und mit Inkubatoren, Crowdsourcing und unseren Innovationszentren in Europa, den USA und Asien erschließen wir uns externes Innovationspotenzial im Sinne von Open Innovation. Ich sehe es als unsere Verpflichtung, aus dem gemeinsamen Wissen schließlich den größtmöglichen Nutzen für die Menschen weltweit anzustreben und die Zukunftsfähigkeit unserer Organisation zu sichern.

Allein mit der Übernahme des Consumer-Care-Geschäfts des US-Pharmakonzerns Merck & Co. Inc. wird Bayer mehr als 14 Milliarden US-Dollar in rezeptfrei erhältliche Arzneien investieren. Steht das nicht im Gegensatz zu Ihrem Bekenntnis, ein Innovationsunternehmen von Weltrang zu sein?

Nein, denn die Übernahme ist zwar ein Meilenstein für unser Unternehmen auf dem Weg zur globalen Marktführerschaft im Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln. Und auch dort gibt es übrigens Innovationen, die den Bedürfnissen der Patienten folgen. Aber zugleich haben wir damit auch unsere Entwicklungsmöglichkeiten im Geschäftsfeld der Herz-Kreislauf-Therapien erweitert: Teil der Vereinbarung ist ja auch eine strategische Kooperation auf dem Gebiet der löslichen Guanylat-Zyklasen, den sogenannten sGC-Modulatoren. Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören zu den wichtigsten Therapiegebieten, für die immer noch ein hoher medizinischer Bedarf besteht. Die Kooperation ermöglicht uns noch größere Chancen, neue Medikamente für mehr Patienten bereitzustellen. Und wir hören ja nicht auf, in Forschung zu investieren. Das zeigen schon allein die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung im Pharmasegment im Jahr 2013: Wir haben 1,7 Milliarden Euro investiert. Und die Erfolgsmeldungen sprechen für sich: In jüngster Zeit haben wir fünf innovative Medikamente auf den Markt gebracht, darunter einen Gerinnungshemmer ebenso wie neue Krebsmedikamente. Zudem haben wir fünf vielversprechende Wirkstoffkandidaten aus unserer stark bestückten Forschungspipeline für eine beschleunigte Entwicklung ausgewählt: Bis Ende 2015 wollen wir sie zur Entscheidungsreife für Phase III der klinischen Prüfung führen.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht ein innovationsstarkes Unternehmen aus?
Das ist eine faszinierende Frage. Wenn man sich wirklich ­innovative Unternehmen anschaut – und ich denke, wir sind eines davon – dann fällt auf, dass sie bestimmte Merkmale gemeinsam haben: Zunächst haben sie sich auf oberster Unternehmensebene der Innovation verschrieben. Außerdem haben sie ein großes Portfolio an Ideen – und sie wissen, wie sie diese Ideen managen und priorisieren. Schlüsselelement ist, dass sie eine starke und extrem fokussierte Sicht auf ihre Kunden haben. Und zuletzt haben sie eine Unternehmenskultur, die Innovation zu schätzen weiß. Diese aktive Entwicklung der Unternehmenskultur ist unser Ziel – unser Bestreben und unsere Leidenschaft, die notwendigen Schritte zu unternehmen.

Patienten, Farmer und Kunden wollen neue Produkte, die das Leben verbessern oder erleichtern. Wo liegen jenseits davon weitere Treiber für Innovationen?
Aus meiner Sicht wird einer der nächsten großen Innovationstreiber die Digitalisierung sein. Sie wird oft die „dritte Revolution“ genannt, nach der Agrar- und der industriellen Revolution: die sogenannte dritte industrielle Revolution, die sich auf alle Lebensbereiche auswirken wird. Die „Digitale Welt“ wird zu einer neuen Geschäftsumgebung und eröffnet Perspektiven – von der Datensammlung über die -analyse bis hin zu Data Sharing und neuen Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten. Der Kommunikations- und Logistik-Bereich sind schon weit in ihrer Anpassung fortgeschritten. Für die Pharma- und Chemieindustrie gibt es noch viel Entwicklungspotenzial: Die Digitalisierung ermöglicht beispielsweise völlig neue Wege, wie wir Patienten bei der Bewältigung ihres Alltags noch besser unterstützen können. Sie verstehen ihre Erkrankung besser, und es erlaubt den Mitarbeitern im Gesundheitswesen, ihr Wohl­ergehen zu überwachen, indem sie neue Instrumente wie Healthcare Apps nutzen. Aber genauso bietet die Digitalisierung auch Chancen für die Landwirtschaft: Durch die Kombination aus digitalen Diensten und integrierten Agrarlösungen können wir beispielsweise unser Serviceangebot verbessern, Erträge steigern und damit unseren Beitrag für die Ernährungssicherung noch verbessern.

Herr Malik, zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Wie finden Sie kreative, neue Ansätze?
Die meisten Ideen entstehen, wenn ich allein bin: beim Spazieren­gehen, auf dem Golfplatz oder beim Radfahren. Mein Motto lautet: ‚Make a difference’. Danach habe ich mein Leben ausgerichtet. Und ich bin überzeugt, dass Innovationen von Bayer in der Welt etwas bewegen werden.

Letzte Änderung: 23. Juli 2014  Copyright © Bayer AG
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