Interview – Dr. Udo Oels, Forschungsvorstand der Bayer AG
„Faszinierende Entwicklungen für ein besseres Leben“
Zur Person:
Dr. Udo Oels ist seit 1996 Mitglied des Vorstands der Bayer AG. Zuvor leitete der Chemiker den Geschäftsbereich Organische Chemikalien, davor die Forschung dieses Bereichs. Seit 1976 ist er bei Bayer tätig. Im vierköpfigen Konzernvorstand ist er verantwortlich für Innovation, Technologie und Umwelt sowie für die Region Asien.
Dr. Udo Oels ist seit 1996 Mitglied des Vorstands der Bayer AG. Zuvor leitete der Chemiker den Geschäftsbereich Organische Chemikalien, davor die Forschung dieses Bereichs. Seit 1976 ist er bei Bayer tätig. Im vierköpfigen Konzernvorstand ist er verantwortlich für Innovation, Technologie und Umwelt sowie für die Region Asien.
Seit rund einem Jahr präsentiert sich Bayer als „das Erfinder-Unternehmen“. Stimmen denn Anspruch und Wirklichkeit aus Ihrer Sicht überein?
Unbedingt. Heute zeigt sich sogar: Es war das richtige Signal zur richtigen Zeit. Zum einen verdeutlicht es, dass Forschung und Entwicklung dieses Unternehmen seit jeher in ganz entscheidender Weise geprägt haben. Und zum anderen unterstreicht es, dass Bayer im Verhältnis zum Umsatz mehr als jedes andere Unternehmen der Branche in die Zukunft investiert. So belaufen sich in diesem Jahr unsere Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf zwei Milliarden Euro. Das zeigt nachdrücklich, welchen Stellenwert die Innovation in unserem Unternehmen hat.
Aber hohe Forschungsausgaben allein ziehen nicht zwangsläufig Produkte nach sich, die sich auch am Markt durchsetzen. Haben Sie denn Erfolg versprechende Kandidaten in der Pipeline?
Ja, das kann man mit Fug und Recht sagen. In allen Bereichen entwickeln wir entsprechend unserem Slogan „Bayer: Science For A Better Life“ faszinierende Produkte für ein besseres Leben. Nehmen Sie etwa Bayer HealthCare. Hier haben wir unseren Forschungsbereich komplett neu aufgestellt. Das heißt, wir konzentrieren uns in besonderem Maße auf Krebs und das Herz-Kreislauf-Risikomanagement einschließlich Diabetes. Und auf beiden Gebieten haben wir viel versprechende Wirkstoffe in der Entwicklung.
Auf welchem Sektor ist denn in naher Zukunft mit einer Marktzulassung zu rechnen?
Am weitesten sind wir mit unserem Krebsmedikament. Dessen Wirkstoff Sorafenib – so wurde bei der Zwischenauswertung der Daten im Rahmen der Phase III der klinischen Prüfung bestätigt – verlängert bei Nierenkrebs die Überlebenszeit ohne Fortschreiten der Erkrankung signifikant. Die Studienergebnisse waren sogar so gut, dass inzwischen auch die Patienten der Placebogruppe Sorafenib erhalten – weil man diesen Personen aufgrund der Erkenntnisse über die Wirkung das Medikament aus moralisch-ethischen Gründen nicht länger vorenthalten konnte. Darüber hinaus können zurzeit in den USA alle Patienten mit fortgeschrittenem Nierenkrebs über entsprechende Behandlungszentren das Mittel bekommen. Die Marktausbietung des Medikaments erwarten wir in den USA für das erste Halbjahr 2006. Gleichwohl sind damit noch längst nicht alle Möglichkeiten von Sorafenib ausgeschöpft. So ist er der erste Wirkstoff seiner Art, der in einer weltweiten Studie für Patienten mit fortgeschrittenem Leberkrebs geprüft wird. Infrage kommt er auch bei Hautkrebs, und derzeit laufen noch Studien für eine Reihe weiterer Tumorarten.
Gibt es andere potenzielle Wachstumstreiber?
Auf jeden Fall. So rechnen wir mit weiterem Wachstum beim Thema Herz-Kreislauf – nicht zuletzt durch unseren Faktor-Xa-Hemmer Bay 59-7939, ein neues Mittel gegen Thrombosen. Wir wollen noch in 2005 mit einer Phase-III-Studie beginnen, in der der Wirkstoff zur Vorbeugung von Venenthrombosen nach schweren Operationen getestet werden soll. Dabei handelt es sich um ein Mittel in Tablettenform. 2007 will Bayer HealthCare die Zulassung für das neue Medikament beantragen. 2009 soll der Wirkstoff auch für die Behandlung von Venenthrombosen und zur Prävention von Schlaganfällen bei Herzfrequenz- und Herzrhythmusstörungen, dem so genannten Vorhofflimmern, zur Zulassung eingereicht werden.
Gibt es auch neue Entwicklungen im Bereich der Biotechnologie?
Wenn ich hier direkt ergänzen darf: Bayer CropScience ist nicht nur ein Marktführer, sondern auch Innovationsführer – zum Beispiel im Bereich des klassischen Pflanzenschutzes. Denn es liegt ja auf der Hand: Marktführer kann man nur werden, wenn man über eine umfassende Palette an innovativen Spitzenprodukten verfügt. Und genau die haben wir. Selbstverständlich werden wir uns auf diesem erfolgreichen Weg konsequent weiterbewegen: So sind allein zehn Entwicklungsprojekte in unserer Pipeline, die bis 2011 auf den Markt gebracht werden sollen. Dabei handelt es sich um zwei Insektizide, vier Herbizide und vier Fungizide, von denen eines mit einem völlig neuen Wirkstoff bereits im Jahr 2006 auf den Markt kommen wird. Ich möchte in diesem Zusammenhang zudem hervorheben, dass Bayer gerade bei der Entdeckung neuer Wirkstoffklassen eine beeindruckende Erfolgsbilanz vorzuweisen hat.
Und wie sieht die Situation im Bereich der grünen Biotechnologie bei Bayer aus?
Auch hier sind wir auf einem guten Weg. Wir nutzen sie zum Beispiel zur Erforschung von Herbizidtoleranz und Insektenresistenz. Aber wir konzentrieren uns nicht nur auf den Schutz von Pflanzen, sondern forschen intensiv an der Verbesserung der Qualität. Im Vordergrund stehen dabei Baumwolle, Reis und Raps. Langfristig können wir uns auch vorstellen, dass Pflanzen als nachwachsende Rohstoffe zum Beispiel Öl ersetzen oder als Lieferanten für Arznei-Wirkstoffe, vielleicht sogar für Kunststoffe, genutzt werden können.
Hat auch Ihr dritter Teilkonzern, Bayer MaterialScience, so interessante Projekte im Visier?
Da können Sie sicher sein. Dort haben wir einen eigenen New-Business-Bereich eingerichtet, der in enger Zusammenarbeit mit den Business Units neue Geschäftschancen generiert und auch die vorhandenen Synergien nutzt. So wurden zum Beispiel vom Creative Center – eine Abteilung innerhalb von New Business – mit Partnern Zukunftsmodelle entwickelt. Denn für uns ist doch ganz entscheidend, heute bereits die zukünftigen Bedürfnisse unserer Kunden antizipieren zu können. Gerade angesichts der ständig steigenden Forschungskosten müssen wir uns darüber im Klaren sein, wie sich Trends entwickeln werden.
Aber was hat Bayer MaterialScience davon?
Das Unternehmen ist bekanntlich ein führender Hersteller von hochwertigen Werkstoffen und innovativen Systemlösungen. Ob Automobil, Haus, Sport oder Kommunikation – überall liefert das Unternehmen zahlreiche wegweisende Lösungen. Hierfür bietet auch die Nanotechnologie interessante Perspektiven. Lassen Sie mich als neueste Entwicklung auf diesem Gebiet nur die Nanopartikel nennen, die in Kunststoffen zu enormen Verbesserungen von Haltbarkeit und Brandschutz führen können. Für unsere hochwertigen Materialien bieten sich in Zukunft also zahlreiche neue Anwendungen.
Bei so vielen Innovationen in den Teilkonzernen fragt man sich natürlich: Wozu braucht der Konzern da noch eine Bayer Innovation GmbH?
Ganz einfach: Die Gesellschaft soll dazu beitragen, unter der Regie der Konzern-Holding innovative Projektideen zu neuen, tragfähigen Konzepten zu entwickeln. Dabei geht es vor allem um vollkommen neue Geschäftsgebiete außerhalb der Portfolios unserer derzeitigen Teilkonzerne.
Und gibt es bereits vorzeigbare Ergebnisse?
Durchaus. Wir haben hier etwa eine Technologie zur Marktreife gebracht, mit der sich große Datenmengen optisch speichern lassen. Sie beruht auf PhenoStor, einem von Bayer MaterialScience entwickelten Kunststoff. Er speichert Daten als Hologramm. Mit dem Resultat, dass die Informationen von Unbefugten nicht mehr gelesen oder kopiert werden können. Diese Technologie bietet sich bei der Zutrittskontrolle zu Hochsicherheitsbereichen an – nur ein Beispiel von vielen.
Sie gehen auch ganz neue, unkonventionelle Wege – außerhalb der klassischen Forschung. Wie sehen die aus?
Zurzeit starten wir eine große Innovationsoffensive im Konzern, bei der alle Mitarbeiter weltweit aufgerufen sind, sich mit eigenen Ideen für innovative Produkte und zukunftsträchtige Geschäfte zu beteiligen. Denn schon oft hat eine einfache Idee Furore gemacht. Wir sind sicher: In unserer gesamten Belegschaft schlummert ein großes Potenzial an Erfindergeist. Diesen Schatz wollen wir heben und die entsprechenden Ideen weiterentwickeln. Ich kann Ihnen also versprechen: Sie dürfen von Bayer noch einiges erwarten.

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Ausgabe 17 (2005)
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